Tagblatt Online, 22. Oktober 2010 07:00:00
Letzter Chor-Schliff
Schritte zur Chor-Karriere? Michael von der Heide probt mit seinem Team Nenas «Irgendwie Irgendwo Irgendwann». (Bild: Bild: Coralie Wenger)
Am Sonntag startet die neue TV-Sendung «Kampf der Chöre». Den Ostschweizer Chor leitet Michael von der Heide. Ein Probenbesuch.
Peter Surber
Der Maestro fehlt noch. Aber eingesungen wird trotzdem schon einmal. Strecken und dehnen, Schulterkreisen, scharf gespuckte Konsonanten fürs Zwerchfell, a-e-i-o-u für die Stimmgeschmeidigkeit, von tief unten bis hoch oben. Claudia Sevinc, die Co-Dirigentin und Solistin, versteht ihr Handwerk und bringt den 18köpfigen Chor rasch in Schwung. Und dann ist, «sali zäme», auch Michael da, direkt von einer andern Probe angereist.
Im Singsaal zuoberst im Schulhaus der Pädagogischen Hochschule St. Gallen geht es an diesem Abend beinah zu und her wie bei jeder ordentlichen Chorprobe. Aber nur beinah. Erstes, positives Unterscheidungsmerkmal: Niemand hat Noten in der Hand, die jungen Leute können ihren Song längst auswendig – «Irgendwie Irgendwo Irgendwann» von Nena. Zweites untypisches Merkmal: Der Orchestersoundtrack kommt aus dem Recorder. Und der Dirigent dirigiert kaum, hört und schaut zu und ist erstmal ganz zufrieden: «Tönt aber geil!»
«Gebt alles!»
Wie «geil» das Publikum die Sache findet, wird man am Sonntagabend erfahren: Dann geht, live aus Kreuzlingen, die neue Casting-Sendung des Schweizer Fernsehens in ihre erste Runde. «Kampf der Chöre» lässt acht Gesangsteams aus der ganzen Schweiz gegeneinander antreten.
Aushängeschild sind die acht Chorleiter, prominente wie die Opernsängerin Noëmi Nadelmann, Volksmusikerin Maja Brunner oder Ex-Music-Star Fabienne Louves, aber auch weniger bekannte Namen wie Padi Bernhard, Gustav, Stämpf oder Sandee.
Und, für die Ostschweiz, eben Michael von der Heide. Seine Charakterbrille hat er inzwischen abgelegt und lässt sich das Stück ein zweites und drittes Mal vorsingen. Das synkopische «tu-tu-tu» könnte noch schnittiger kommen, korrigiert Claudia.
Und die «Zä-ärtlichkeit» noch etwas zärtlicher. Musikalisch gibt es danach auch für den Chorleiter nichts mehr zu rütteln: «Die andern können das sicher nicht so gut.»
Aber die Musik ist nur das eine. «Mein oberstes Credo ist und bleibt, dass ihr phantastisch singt, dass ihr alles gebt.» Doch mindestens so wichtig sei, dass man dem Chor den Spass an der Sache ansehe. Dass das Optische stimmt. Denn was sie hier machen, «das isch Fernseh». Mit Close-ups, Nahaufnahmen, mit Totalen, mit der ganzen Gnadenlosigkeit unzähliger Kameras.
Daher, zweite Probenphase: die Choreographie. Tische und Stühle werden zur Seite geräumt, von der Heide holt die einen nach vorn, gruppiert die Reihen neu, instruiert den Anfang, Blicke, Handstellung, Fussdrehung müssen sitzen. Beim Refrain fehlt noch die zündende Bewegungsidee, manches wird ausprobiert und wieder verworfen, noch bleibt Zeit, wenn auch wenig.
«Kein Gegeneinander»
Eine bunt zusammengewürfelte Truppe sei dieser Chor, erzählt Claudia Sevinc – die einen kommen vom Rock her, andere von der Klassik oder vom Soul. Claudia, Oberstufenlehrerin in Gossau und Mitleiterin des Gospelchors Flawil, weiss, was einen Chor ausmacht: der Zusammenhalt. Anfangs habe sie deshalb Bedenken gehabt; man sei jedoch rasch zusammengewachsen.
Und dass es beim «Kampf der Chöre» um Konkurrenz geht? Auch das war ihr zuerst etwas suspekt – inzwischen hofft sie aber und ist überzeugt: «Das gibt kein Gegeneinander.» Sondern, im besten Fall, Werbung fürs Chorsingen.
Ob das Team Ostschweiz den ersten «Kampf» besteht, kann man per Telefon- und SMS-Voting mitbestimmen. Und mithelfen, dass das «Schloss aus Sand», das im Song von Nena besungen wird, nicht allzu rasch zerrinnt.
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