Tagblatt Online, 20. November 2010 01:01:17
Krass fernsehen
Sendeplatz
Krass fernsehen
Auf diesem Sender ist alles extrem. Die Kinder spielen nicht im Garten, sondern tragen dicke Helme und Schutzanzüge, spulen mit Motorrädern durch den Dreck und katapultieren sich über riesige Schanzen. Die Skifahrer wedeln nicht gemütlich bis zur nächsten Berghütte, sondern schlagen in einem Steilhang mitten im Wald doppelte Rückwärtssalti und landen im meterhohen Schnee – oder sie stürzen und verdrehen sich einmal mehr den Knöchel.
Die Taucher schliesslich tragen weder Flossen noch Sauerstoffflaschen, und Korallen und Muscheln sind ihnen egal. Stattdessen springen sie von irgendeinem Brückengeländer und stürzen sich metertief hinunter in irgendeinen Fluss.
Motocross und Basejumping
Auf Red Bull TV ist alles extrem, alles krass, alles Adrenalin. Und die Menschen im Bild sind entweder Surfer, Skater, Boarder, Biker oder Downhill-Motocrosser. Das normale Leben spielt hier nicht. Der Fernsehkanal des Energydrink-Herstellers widmet sich ganz den Extrem-, Fun- und Trendsportarten.
Kein Fussball, kein Eishockey, kein Tennis. Stattdessen Gleitschirmfliegen, Freistilklettern, Basejumping und Wildwasserfahren. Zwar sponsert Red Bull mittlerweile auch traditionelle Sportarten und hat eigene Fussballclubs, Formel-1- Teams und Eishockeymannschaften. Die Wurzeln der Marke aber liegen in den Extremsportarten. Dort, wo jede falsche Bewegung tödlich sein kann und wo man ständig Koffein, Taurin und Zucker in den Körper pumpen muss.
Halbnackt im freien Fall
Kein Wunder, ist in jeder zweiten Kameraeinstellung eine Energydrink-Dose zu sehen oder rückt mindestens das Firmenlogo ins Bild. In allen möglichen Lebenslagen scheinen die gezeigten Sportler Red Bull zu trinken. Zum Beispiel der amerikanische Freestyle-Motocrosser Travis Pastrana, den man auch aus der MTV-Sendung «Nitro Circus» kennt: Was macht er als erstes, nachdem er halbnackt und ohne Fallschirm aus dem Flugzeug gesprungen ist? Genau, er öffnet im freien
Fall eine Red-Bull-Dose und lächelt in die Kamera – bevor er sich an einen mitspringenden Kollegen mit Fallschirm klammert, um sich vor dem sicheren Tod zu retten.
Verrückte Tänzer
Abgesehen von der aufdringlichen Produkteplazierung ist Red Bull TV sehr unterhaltsam. Vor allem die schrägen Top-5-Listen überraschen und verstören.
«Die 5 krassesten freien Fälle» zum Beispiel (mit Travis Pastrana auf Platz 1) oder «Die 5 unglaublichsten Tauch-Stunts» mit dem kolumbianischen Klippenspringer Orlando Duque, der von einem fliegenden Helikopter hinab ins Meer taucht. All diese Verrückten verherrlicht der Sender als Helden, er zeigt sie als Tänzer auf dem dünnen Grat zwischen Leben und Tod und entlarvt sie (zumindest in den Augen des kritischen Zuschauers) als süchtig nach dem Kick des Moments.
Wundertütenprogramm
Ein fixes Programm scheint es auf Red Bull TV nicht zu geben. Oft laufen Wiederholungen, mal wird eine Woche lang nur Windsurfen gezeigt, danach wieder am selben Abend Freeskiing in Kanada und Basejumping in Rio de Janeiro. Nur eines ist sicher: Wenn die Videogame-Sendung «Play» anfängt, kann man getrost abschalten. Dann weicht das Adrenalin nämlich dem Melatonin – und anderen Schlafhormonen. Roger Berhalter
Red Bull TV Programmfenster am Samstag- und Sonntagabend auf ServusTV, im Internet 24 Stunden unter www.redbull.ch
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