Tagblatt Online, 22. Januar 2009 09:24:00
Die Rheintaler Connection
Atomschmuggel Der Fernsehjournalist Hansjürg Zumstein rollt die Geschichte der Brüder Tinner im Schweizer Fernsehen von neuem auf. Er spricht mit Christoph Blocher, entdeckt neue Dokumente und taucht ein in die Welt der Geheimdienste. Rolf App
Es ist eine Szene, die ihren Charme hat. Wir sitzen im sechsten Stockwerk des Schweizer Fernsehens und schauen uns an, was Hansjürg Zumstein in drei Monaten Recherche zum Fall der des Atomschmuggels verdächtigten Rheintaler Gebrüder Tinner zutage gefördert hat. Bildmässig steht der Film bereits, der heute abend ausgestrahlt wird (siehe Kasten). Aber der Kommentar fehlt noch; Zumstein liest ihn vom Blatt, während wir gebannt einer Geschichte folgen, die im beschaulichen Rheintal beginnt und in gefährliche Gefilde der Weltpolitik führt. Es geht um Atombombenpläne, und es ist einiges, was Hansjürg Zumstein auf seinen Reisen nach Pakistan, Dubai, in die USA und nach Wien erfahren hat.
«Ich riskiere das Leben»
Und es macht Angst, zuallererst der Hauptperson des Films. «Ich riskiere mein Leben», sagt Urs Tinner, der fast fünf Jahre in Untersuchungshaft verbracht hat. Hansjürg Zumstein ist schon sehr lange im Geschäft, vor mehr als zwanzig Jahren hat ihn Urs P. Gasche von der «Berner Zeitung» zum «Kassensturz» geholt, weil er jemanden brauchte, der gut recherchieren konnte.
Khans Liebe zum Rheintal
Das Ausleuchten komplizierter Fälle und brisanter Themen ist seither seine Spezialität geworden. Er hat den Weg der UBS in die Finanzkrise ebenso nachgezeichnet wie jener der «Neuen Eisenbahn-Alpentransversale» (Neat) ins finanzielle Schlamassel. Doch bekannt gemacht hat ihn vor allem der politisch folgenreiche Film über die Abwahl Bundesrat Christoph Blochers. Immer geht es in solchen Dokumentationen um die Frage: Wo liegt die Wahrheit? Auch hier, wo es nicht um heimische Parteipolitik, sondern um internationale Politik in ihrer kompliziertesten, weil von Geheimnissen umstellten Dimension geht.
«Bei den Geheimdiensten weiss man nie, was man glauben soll», sagt er denn auch zu seinem Film. Trotzdem präsentiert er eine über weite Strecken plausible Geschichte. Und er wartet mit einigen Überraschungen auf. Zum Beispiel mit der Nachricht, dass der in Deutschland und Holland ausgebildete und später als «Vater» der pakistanischen Atombombe in seiner Heimat zum Held gewordene A. Q. Khan schon in den Siebzigerjahren im rheintalischen Haag bei der Familie Tinner ein- und ausgegangen ist. In einem Telefongespräch mit Zumstein lobt der charmante, noch immer gut Deutsch sprechende Khan die Tinners über alle Massen. «Das ist eine richtige, ehrliche Familie. Und die Frau Tinner kocht gut.»
Mit Erlaubnis des Bundes
Natürlich ist Khan nicht der guten Kost wegen ins Rheintal geraten. Friedrich Tinner, der Vater, liefert ihm Komponenten für die Anreicherung von Uran, dem ersten Schritt zur Atombombe. Und zwar, wie Zumstein im Bundesarchiv herausfindet, sogar mit Erlaubnis des Bundes.
Zwischen Stuhl und Bank
Gefährlich wird die Sache erst, als Khan anfängt, sein in Plänen und Bauanweisungen niedergelegtes Wissen nicht mehr nur im eigenen Land zu verwenden, sondern weiterzuverkaufen. Ein Netzwerk entsteht, und zwar, wie in Zumsteins Film mehrere Experten bestätigen, ein sehr gefährliches. Nordkorea, Iran und Libyen sind die Abnehmer von Komponenten und Plänen, auch Irak wird angefragt, ob es interessiert wäre.
Mit Urs Tinner gerät nun Friedrichs Sohn zwischen Stuhl und Bank. Es ist ein sehr prekärer Moment in seinem Leben, als er zu Khan stösst, dem er zuletzt als Kind begegnet ist – und als er beginnt, den US-Geheimdienst über dessen Aktivitäten ins Bild zu setzen. Tinner ist gerade zum zweitenmal geschieden, er ist verschuldet und reist nach Dubai, wo er für den Beauftragten Khans zu arbeiten beginnt.
Blochers Aktenvernichtung
Eine seiner Aufgaben besteht darin, dass er Pläne und andere Dokumente einscannt und im Computer speichert. Dabei fertigt er auch Kopien an, die er bei seinem Bruder Marco in Sicherheit bringt. Es sind jene Dokumente, deren Vernichtung im November 2007 der Bundesrat anordnet, obwohl ein Ermittlungsverfahren wegen des Verstosses gegen das Kriegsmaterial- und Güterkontrollgesetz läuft. «Das waren sehr heikle Unterlagen», sagt Christoph Blocher, zu dieser Zeit Justizminister. Auch die USA hätten die Pläne gern bekommen, er aber habe dies abgelehnt.
Was aber ist nun dieser Urs Tinner? Ein selbstloser Held des Atomzeitalters? Oder ein Atomschmuggler, dem einfach der Boden unter den Füssen zu heiss geworden ist? Oder gar beides?
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