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Tagblatt Online, 09. Juni 2009 01:02:26

Die Fernsehwelt nach Ingrid Deltenre

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Ingrid Deltenre (Bild: Bild: ky/Steffen Schmidt)

Ingrid Deltenres Rücktritt als Direktorin des Schweizer Fernsehens gibt zu reden – und zu spekulieren.

Rolf App

Es war Spass, aber auch ein wenig Ernst: Viktor Giacobbo und Mike Müller sind am Sonntagabend in ihrer Late-Night-Show mit einem grossen Bild Ingrid Deltenres aufgetaucht. Bei ihren Mitarbeitern ist die zurücktretende Fernsehdirektorin beliebt. Nicht bei allen, aber bei sehr vielen. Über die Qualität einer Fernsehdirektorin sagt das wenig aus, wohl aber über die Wahrnehmung von innen.

Die Wahrnehmung von aussen ist von Anfang an eine andere gewesen. Als sie vor sechs Jahren vom Regionalrat für die deutsche Schweiz im etwas schummrigen Hotel Renaissance in Glattbrugg auf den Schild gehoben wurde, war dieser Wahl ein wochenlanges mediales Kesseltreiben vorausgegangen.

«Kaum jemand ist traurig»

Man traute es der mit 42 Jahren noch relativ jungen, aus der Werbung kommenden Frau nicht zu, das Flaggschiff der SRG zu führen. Und man verübelte ihr ihren Lebenspartner, den streitbaren Kommunikationsberater Sacha Wigdorovits.

An der Geringschätzung vieler Journalisten hat sich seither wenig geändert. «TV-Direktorin Ingrid Deltenre (48) verlässt Ende Jahr das Schweizer Fernsehen. «Kaum jemand ist traurig», schreibt der «Blick» – und ruft, wen sonst, Roger Schawinski als Zeugen an.

Erfolge, Misserfolge

Dem kommt als einziger Erfolg Deltenres «Giacobbo/Müller» in den Sinn. Ohne Mühe lässt sich einiges aufzählen, was nicht sonderlich erfolgreich gewesen ist.

Das Quiz «Zart oder Bart» etwa, die Samstagabendsendung «Roter Teppich», die Late-Night-Show «Black 'n' Blond» und die Soap «Tag und Nacht» (für die das erfolgreiche «Lüthi und Blanc» eingestellt wurde). Auch haben «Benissimo», «Al dente» und «Music Star» an Glanz verloren.

Auf der andern Seite steht die – in Quoten messbare – allgemeine Zufriedenheit des Publikums mit einem Programm, das seine Stärken in der Information bewahrt und im Bereich der Unterhaltung aufgeholt hat.

SF 2 zum Beispiel ist es gelungen, mit geschickt eingekauften Serien ein jüngeres Publikum zu erreichen. Mit «Glanz & Gloria» wurde eine People-Sendung erfolgreich lanciert, auch im Kulturellen gab es Grossanstrengungen wie die «Zauberflöte» auf zwei Sendern oder «La Traviata» im Hauptbahnhof Zürich.

Folgt eine Frau nach?

Nicht zu Unrecht beklagt sich Ingrid Deltenre im «Sonntags-Blick», es sei ihr von Anfang an eine geballte Ladung von Vorurteilen entgegengeschwappt.

Deshalb habe ihr «im Umgang mit gewissen Medien hie und da die Leidenschaft gefehlt». Dieses Leidenschaftslose, arg Kontrollierte war in den Jahrespressekonferenz gut zu beobachten. Es hat die Journalisten auf Distanz gehalten.

Der am Freitag bekanntgegebene Rücktritt hat allerdings einen anderen Hintergrund. Die SRG will auf Anfang 2011 Radio und Fernsehen enger miteinander verknüpfen, für den Posten einer Superdirektorin wäre Ingrid Deltenre in Frage gekommen.

Starker Widerstand vor allem aus Radiokreisen und öffentlicher Einspruch des Medienministers hat nun dazu geführt, dass die zuständigen Gremien die Personalie auf Eis gelegt haben.

Nun müssen sie einen Fernsehdirektor suchen. Erste Namen kursieren. Etwa jener des Radio-Chefredaktors Rudolf Matter, der aus Deutschland Fernseherfahrung mitbringt, oder jener der ehemaligen MTV-Chefin Catherine Mühlemann.





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