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Tagblatt Online, 21. September 2010 07:22:00

«Billiges, williges Sendematerial»

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«Popstars»-Juror Detlef Soost freundet sich mit einer Kandidatin an. (Bild: Bild: pd)

Während das Schweizer Fernsehen Kandidaten für seine «Supertalent»-Show sucht, rechnen TV-Insider wie Roger Schawinski gnadenlos mit dem Castingwahn ab.

Martin Weber

Sie singen, tanzen, stöckeln über den Laufsteg. Die unzähligen Kandidaten von Castingshows scheuen keine Peinlichkeit und scheinen keine Schmerzgrenze zu kennen. Es ist die Sucht nach Aufmerksamkeit, die sie antreibt, denn öffentliche Wahrnehmung ist heutzutage ein hohes Gut. So weit, so altbekannt.

Selbstdarstellung ist alles

«Neu ist, dass die mediengerechte Selbstdarstellung und das Werben um öffentliche Aufmerksamkeit allgegenwärtig geworden sind», schreiben die Medienexperten

Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke in ihrem jetzt erschienenen Buch «Die Casting-Gesellschaft».

Zynische Mechanismen

Für das lesenswerte Werk haben Studierende der Universität Tübingen 26 Fernsehmacher, Berater, Experten und Kandidaten von Castingshows befragt. Zu Wort kommt auch der frühere Sat. 1-Chef Roger Schawinski. Für die Sender seien die Casting-Kandidaten nur «lebendes, billiges, williges Sendematerial», sagt Schawinski. «Für einige mag es gut enden, aber für viele ist es kaum zu verarbeiten.

Den Verantwortlichen in den Sendern ist es aber vollkommen gleichgültig, wie sich der Kandidat fühlt.»

Die Interviews gewähren dem Leser einen umfassenden Einblick in die nicht selten zynischen Mechanismen dieser Shows und zeigen, dass es bei Sendungen wie «Deutschland sucht den Superstar» (RTL) oder «Germany's next Topmodel» (Pro Sieben) keineswegs darum geht, Talente zu finden, sondern nur darum, dem Zuschauer eine sorgfältig inszenierte Show mit verteilten Rollen zu bieten.

Wer sich bei einem Casting anmelde, werde von den Fernsehmachern zum reinen «Menschenmaterial» degradiert, sagt etwa der Berliner Medienwissenschafter Norbert Bolz in einem der Interviews. Das sehen die Macher von umstrittenen Casting- oder Realityshows natürlich ganz anders – es spricht für das Buch, dass sie ausführlich zu Wort kommen.

Die Inszenierung ist alles

Interessanter sind freilich die Aussagen von Interviewpartnern wie Markus Grimm, Sieger der dritten Staffel von «Popstars», oder Fiona Erdmann, die bei «Germany's next Topmodel» die Zicke abgeben musste: Sie berichten von Rollenzuweisungen, Knebelverträgen und anderen Zumutungen, und von einer gnadenlosen Show-Maschinerie, in der die Inszenierung alles ist.

Grimm wurde von «Popstars»-Tanzcoach Detlef Soost auch persönlich enttäuscht: «Wir hatten während der zweiten Staffel ein freundschaftliches Verhältnis. Als ich ihn zwei Wochen nach dem Final anrief, fragte er nur: <Markus wer?>»

Die Bösartigkeit des Fernsehens

Der Satiriker und Medienkritiker Oliver Kalkofe spricht davon, «dass das Fernsehen die Fähigkeit besitzt, bösartig zu sein». Kalkofes bittere Erkenntnis: «Fernsehen kann heutzutage Träume zerstören, aber mit dieser Brutalität rechnet kein Teilnehmer.»

Bernhard Pörksen, Wolfgang Krischke: «Die Casting-Gesellschaft», Herbert von Halem Verlag, Köln 2010, Fr. 28.90




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