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Tagblatt Online, 27. Mai 2009 01:04:06

Wer andern eine Falle stellt, tappt selbst hinein

Jetzt tun alle überrascht. Dabei haben die Akteure im Gesundheitswesen jahrelang zugesehen, wie die Krankenkassenprämien nur moderat erhöht wurden, während die Kosten massiv stiegen. Das Bundesamt für Gesundheit, das jährlich die Prämien bewilligen muss, hat die Kassen zusätzlich aufgefordert, ihre Reserven abzubauen, um die Prämien tief zu halten. Dieser Politik haben sich viele Gesundheitsdirektoren angeschlossen.

Die Krankenkassen haben sich kleinlaut gefügt und versucht, mit der «Jagd auf gute Risiken» die Kosten auf die anderen abzuschieben. Doch wer andern eine Falle stellt, tappt selbst hinein.

Kosten decken, Reserven äufnen

Die kurzsichtige Taktik rächt sich nun: Die Prämien für 2010 müssen nicht nur den Kosten der letzten Jahre und der zu erwartenden Entwicklung angepasst werden – auch die Reserven müssen wieder geäufnet werden. Das bedeutet Prämienerhöhungen von 15 bis 20 Prozent.

Plötzlich rufen alle, die jahrelang zugeschaut haben, nach Sofortmassnahmen, die gar nicht sofort wirken können: Praxis- und Spitalgebühr, Senkung der Medikamentenpreise, Überprüfung der Leistungen in der Grundversicherung! Dabei liegen sinnvolle Vorschläge, wie die hohe medizinische Qualität auch mit tieferen Kosten erhalten werden kann, schon seit Jahren auf dem Tisch. Dazu gehört in erster Linie die Beseitigung folgender falscher Anreize:

• Ärzte verdienen umso mehr, je mehr sie therapieren.

• Spitäler reduzieren ihre Defizite, je länger sie ihre Betten belegen.

• Krankenkassen profitieren, wenn Patienten stationär statt ambulant behandelt werden, weil die Kantone an die Spitalbehandlung zahlen.

• Die Kantone haben deshalb Interesse daran, die ambulanten Dienste der Spitäler auszubauen.

• Patienten fordern für ihre hohen Prämien maximale und nicht optimale Behandlung.

Daraus folgt: Es braucht mehr Transparenz und Wettbewerb, zugleich aber auch mehr Planung und Zusammenarbeit. Gefordert ist mehr Eigenverantwortung, zugleich aber gilt es, eine Zweiklassenmedizin zu vermeiden.

Vertragsfreiheit und Managed Care

Einzelne Massnahmen genügen nicht. Es braucht mutige Reformschritte, zu denen alle Hand bieten müssen.

• Die Ärzte müssen ihren Widerstand gegen die Vertragsfreiheit aufgeben, Managed-Care-Modelle mit Budgetverantwortung unterstützen, die Hausarztmedizin gegenüber den Spezialisten stärken. Davon werden sie schliesslich nur selbst profitieren.

• Die Kantone müssen mehr zusammenarbeiten, gemeinsam planen, zum Beispiel in der Spitalversorgung oder in der Spitzenmedizin.

Von ihnen ist mehr Mut zum Abbau von Überkapazitäten zu fordern (Spitalschliessungen und Zusammenlegungen). Die monistische Spitalfinanzierung (durch eine Hand) entlastet die Kantone von ihrer Mehrfachrolle als Finanzierer, Spitalbetreiber, Arbeitgeber, Tarifpartner.

• Die Krankenkassen jagen sich mit ihrer «Jagd auf gute Risiken» selbst zu Tode, wenn sie der Verfeinerung des Risikoausgleichs nicht zustimmen.

Es ist ihre Aufgabe, Kosten zu kontrollieren und durch Angebote von neuen Versicherungsmodellen Anreize für die Versicherten zu schaffen, sich kostenbewusster zu verhalten.

• Schliesslich muss der Bund den Spielraum, den er im Gesundheitssystem hat, nutzen, etwa bei der Zulassung und Preisbildung von Medikamenten und vor allem bei der Ausgestaltung des Grundleistungskatalogs.

Die Politikerinnen und Politiker, die jetzt so laut ausrufen und auf den Gesundheitsminister einschlagen, müssen gar nicht das Ei des Kolumbus für das schweizerische Gesundheitssystem finden – sie müssen nur ihre Hausaufgaben machen und nötige Reformen nicht aus Eigeninteressen blockieren, sondern vorantreiben. Eleonore Baumberger





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