Tagblatt Online, 25. Oktober 2008 01:05:39
Soll Strom weiterhin verheizt werden?
Drei grosse Stromverbände lobbyieren gegen das Verbot von Elektroheizungen, das die kantonalen Energiedirektoren einstimmig beschlossen haben. Damit fördern sie die Stromlücke.
hanspeter guggenbühl
Dicke Post erhielten jüngst alle Energiedirektoren der Kantone, «ausgewählte Mitglieder» der nationalen und kantonalen Parlamente, die Wirtschaftsverbände sowie weitere Adressaten. Auf der fetten Betreffzeile des fünfseitigen Briefes, datiert vom 15. September 2008, lasen sie: «Die neuen Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich MuKEn 08 – Verbot von Elektroheizungen.» Und darunter: «Antrag für Neuformulierung». Später im Text erfahren die Lesenden: Das Verbot von neuen elektrischen Widerstandsheizungen soll durch eine blosse Bewilligungspflicht ersetzt werden. Und Einschränkungen für Elektroboiler seien «ersatzlos zu streichen». Als Absender unterschrieben die Präsidenten und Direktoren des Verbandes Schweizerischer Elektrizitätswerke (VSE), des Verbands Schweizerischer Elektro-Installationsfirmen (VSEI) und des Fachverbandes für Elektroapparate (FEA).
Lang gefordertes Verbot
Blenden wir ein halbes Jahr zurück: Anfang April beschloss die Konferenz der kantonalen Energiedirektoren (EnDK) die sogenannte MuKEn 08. Diese begrenzt den Verbrauch von nicht erneuerbarer Energie in Neubauten auf umgerechnet 4,8 Liter Erdöleinheit pro Quadratmeter Wohnfläche und Jahr. Zusätzlich enthält die neue MuKEn viele Einzelvorschriften, darunter folgende:
– Die Neuinstallation von Elektroheizungen ist verboten, ebenso der Ersatz von ausgedienten Elektroheizungen, sofern diese ihre Wärme zentral mit Wasser verteilen.
– Elektroboiler in Neubauten sind nur noch erlaubt, wenn ein Teil des Brauchwassers durch andere Energieträger zumindest vorgewärmt wird.
Damit erfüllten die für Energie zuständigen Regierungsräte eine uralte Forderung von Energiefachleuten und Umweltverbänden. Diese kritisieren, dass in der Schweiz hochwertiger Strom im Umfang der Produktion des AKW Gösgen direkt verheizt wird. Denn die gleiche Wärmemenge liesse sich mit zwei- bis viermal weniger Primärenergie erzeugen, wenn Wärmepumpen oder andere Techniken eingesetzt würden. Deshalb propagierten auch die Elektrizitätswerke in den vergangenen Jahren primär Wärmepumpen und wagten kaum mehr, direkte Widerstandsheizungen offen anzupreisen.
Intervention scharf kritisiert
Im Hintergrund aber, so belegt der eingangs zitierte Brief, kämpfen die Stromverbände weiterhin für den Erhalt der Elektroheizungen, die primär mit importiertem Nachtstrom aus Atom- und Kohlekraftwerken betrieben werden. Das ist deshalb brisant, weil die Stromwirtschaft gleichzeitig eine baldige Stromversorgungslücke an die Wand malt, die sie mit zusätzlichen Gas- und Atomkraftwerken stopfen möchte.
Als «schlichtweg skandalös» bezeichnet die Umweltorganisation Greenpeace die Intervention von VSE, VSEI und FEA. Dabei kritisiert sie insbesondere die Doppelrolle von Rudolf Bolliger, der als Geschäftsleiter der Energieagentur für Elektrogeräte (EEA) vom Bund Geld erhält, um die Stromeffizienz zu fördern, und als FEA-Chef für ineffiziente Elektroheizungen lobbyiert. Bolliger war gestern nicht erreichbar, um Stellung zu diesem Vorwurf zu nehmen.
«Einstimmig» beschlossen
Offen ist, ob die Intervention der Stromlobby zur Rettung der Elektroheizungen Erfolg hat. Die Energiedirektoren-Konferenz werde den Brief «demnächst beantworten», sagte EnDK-Sekretär Fadri Ramming auf Anfrage. Dem wolle er «nicht via Medien vorgreifen». Dabei ist kaum wahrscheinlich, dass die kantonalen Energiedirektoren ihr Elektroheizungsverbot selber aufweichen werden, denn, so antwortet Ramming auf Nachfrage: «Die EnDK hat die MuKEn08 einstimmig verabschiedet. Das entspricht einem klaren Auftrag zur Umsetzung.» Und wie steht es in den einzelnen Kantonen, welche die Vorschriften in ihre Gesetzgebung aufnehmen müssen? Dazu sagte Ramming: «Ich kann nicht ausschliessen, dass dieses Thema in den kantonalen Parlamenten aufgegriffen und diskutiert werden wird.» Womit uns die uralte Kontroverse erhalten bleiben würde.
-
Weitere Artikel zu diesem Thema:
- Artikel empfehlen:









