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Tagblatt Online, 18. Februar 2009 01:01:57

Freiwillig oder obligatorisch?

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Masern In Genf ist vor kurzem ein Mädchen an der Infektionskrankheit gestorben. Seit November 2006 grassiert eine Masernepidemie in der Schweiz, trotzdem lehnen rund 15 Prozent der Eltern eine Impfung ab. Die Kantone erwägen deshalb ein Impfobligatorium. Dazu nehmen die stellvertretenden Kantonsärzte aus St. Gallen und Thurgau unterschiedlich Stellung.

Bruno Knellwolf

Ende Januar ist im Genfer Unispital ein 12jähriges Mädchen aus dem französischen Grenzgebiet an Masern gestorben. Die Eltern dieses Mädchens hatten sich trotz einer Masernwarnung der Schule entschieden, auf eine Impfung zu verzichten, und es trotzdem in den Unterricht geschickt. Man habe nichts mehr für sie tun können, wird eine Immunologin zitiert. Es gibt keine Behandlungsmethode gegen Masern, nur die Vorbeugung mittels Impfung.

15 Prozent impfen nicht

Mit einer Häufigkeit von 1:1000 oder weniger können Masern zum Tod oder zu schweren Komplikationen führen. Für den St. Galler Präventivmediziner Gaudenz Bachmann gehört ein solches Risiko nicht zur allgemeinen Lebenserfahrung, die ein Kind durchmachen muss. Impfgegner halten Masern dagegen für eine harmlose Kinderkrankheit. In der Schweiz verzichten deshalb rund 15 Prozent der Eltern auf eine Impfung ihrer Kinder.

Die Durchimpfungsrate ist damit so tief, dass sich die Krankheit seit November 2006 stark ausgebreitet hat. Man spricht von einer Epidemie, von der 3400 Menschen betroffen sind, 92 Masernfälle gab es schon in diesem noch kurzen Jahr.

Impfobligatorium

Deshalb hat die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren am Montag nach drastischen Massnahmen gerufen. Die Schweiz sei von den europäischen Ländern am meisten von dieser Krankheit betroffen. Die Impfung sei die einzige Möglichkeit, sich vor Masern zu schützen, und nur wenn 95 Prozent aller Kinder geimpft würden, könne das Ziel erreicht werden. Nämlich das Unterbrechen der Infektionskette und damit die Ausrottung wie geschehen bei Krankheiten wie Pocken oder Kinderlähmung.

Das Interesse der Allgemeinheit müsse vor dem Einzelinteresse stehen, begründen die Gesundheitsdirektoren ihren Vorstoss. Ein rigoroser Vorstoss – ins Auge gefasst wird nämlich ein Impfobligatorium. Die Weltgesundheitsorganisation mache der Schweiz Vorwürfe, weil ihre bisherigen Massnahmen nichts gebracht hätten. Die Schweiz exportiere die Krankheit gar in Länder, die sozusagen masernfrei seien.

Appenzeller Spitzenreiter

Die Zahl der Fälle ist je nach Kanton sehr unterschiedlich. Appenzell Innerrhoden ist Spitzenreiter in der Masern-Rangliste – der Innerrhoder Kantonsarzt stand gestern leider nicht für eine Stellungnahme zur Verfügung. Weniger Menschen sind dagegen in den Kantonen St. Gallen und Thurgau betroffen. «In der Nähe von Rudolf-Steiner-Schulen haben wir mehr Masern», sagt Mathias Wenger, stellvertretender Kantonsarzt im Kanton Thurgau, der eine Durchimpfungsrate von 85 Prozent hat, ungefähr so hoch wie der Kanton St. Gallen.

«Impfen ist ein emotionales Thema», sagt Wenger. Schon seit Jahren versuche man erfolglos, die Durchimpfungsrate von 95 Prozent zu erreichen. Für eine Impfung gegen Diphterie und Starrkrampf liessen sich viele überzeugen, weniger dafür gegen Masern. Hans Gammeter, stellvertretender Kantonsarzt in St. Gallen, hält es für richtig, dass die Gesundheitsdirektoren intervenieren, bevor der nächste Epidemie-Gipfel erreicht ist. «Während der letzten Masernepidemie wurden die Hausärzte ja auch nicht überrannt von Impfwilligen.»

Deshalb müsse man sich neue Kanäle überlegen, um die Durchimpfungsrate zu erhöhen. «Das Obligatorium ist einer unter vielen Vorschlägen, bei dem man sich fragen muss: Wie weit gewinnt man dadurch Leute, die nicht geimpft sind, und wie weit treibt man sie ins Lager der Impfgegner? Es ist sicher eine ungewohnte Massnahme, quer zum herrschenden Zeitgeist.» Die Gesundheitsdirektoren bewiesen mit ihrem Vorstoss, dass sie die Ernsthaftigkeit dieser Krankheit für das Individuum erkannt hätten.

Schwierige Akzeptanz

Der stellvertretende Thurgauer Kantonsarzt Thomas Wenger hält ein Impfobligatorium nicht für ein taugliches Mittel. Doch in der Vereinigung der Kantonsärzte Schweiz favorisierte der Vorstand ein Impfobligatorium. Einzelne Kantonsärzte seien aber dagegen, sagt Wenger. Er denkt, dass die Bevölkerung einen solch massiven Einschnitt nicht akzeptieren würde, weil viele Masern nicht als epidemiologischen Notfall betrachteten, sagt Wenger.

Tatsächlich kennen nur die Kantone Genf und Freiburg eine Impfpflicht, und zwar gegen Diphterie. Ein Impfobligatorium sei kein Impfzwang, betonen die Vertreter der Konferenz der Gesundheitsdirektoren. Man wolle niemanden zwangsimpfen. Und Hans Gammeter ergänzt: «Ein Impfzwang ist juristisch nicht vorstellbar bei uns. Eher ein Impfobligatorium, das vielleicht bedeuten würde, dass man den Schuleintritt an den Beweis der vollständigen Masernimpfung koppelt. In den USA wird das so gemacht.» Ausnahmebewilligungen seien möglich, beispielsweise aus religiösen Gründen. Auch Schweizer Austauschschüler müssten vor der Einreise in die USA beweisen, dass sie sich zweimal gegen Masern geimpft hätten.

Eigenverantwortung

Thomas Wenger setzt eher auf Freiwilligkeit. «Masern kann eine schwere Krankheit sein. Aber jeder, der sich vor Masern schützen will, hat die Möglichkeit, sich dagegen zu impfen.» Die Eigenverantwortung gewichtet Wenger höher als staatlichen Zwang. Das öffentliche Gesundheitswesen sei verpflichtet, alles zu unternehmen, um allen zu ermöglichen, gesund zu leben. Für Wenger gibt es andere Bereiche, wo er härtere Massnahmen fordert, beispielsweise beim Kampf gegen die Rückkehr der Tuberkulose, gegen die man sich nicht selbst mit einer Impfung schützen könne.

Bei Kleinkindern entscheiden allerdings die Eltern über das Kind, wie im Fall des verstorbenen Mädchens in Genf deutlich wird. «Das stimmt, da fragt sich, wie weit man in die Erziehung eingreifen darf», erklärt Wenger. Aus seinem eher liberalen Standpunkt eher nicht. Anita Petek vom impfkritischen Verein Aegis hat im «Tages-Anzeiger» schon angekündigt, sich gegen einen Eingriff in die Entscheidungsgewalt der Eltern zu wehren.

Impfgegner nicht überzeugen

«Gegen militante Impfgegner kann man nichts machen», sagt Gammeter. Von der Impfung überzeugen müsse man andere. «Man kann nicht alle, die nicht geimpft sind, als Impfgegner bezeichnen. Man muss diese Gruppe aufteilen.» Darunter habe es Menschen, die sich nicht um ihre Gesundheit kümmerten, ein solches Thema ignorierten, sich mit anderem beschäftigten. Und auch Jugendliche, die davon ausgingen, ihre Eltern hätten das schon richtig gemacht. «Das wäre eine Zielgruppe, die man erreichen sollte. Jugendliche in der Berufslehre, der Mittelschule oder der Rekrutenschule.» Dort könnte man sie ansprechen und Nachholimpfungen anbieten.

Bleibt die Frage, ob man ohne die «Bekehrung» eines Teils der Impfgegnerschaft die Durchimpfungsrate von 95 Prozent und damit die Ausrottung der Masern erreichen kann. «Ich glaube nicht, dass es in der Schweiz mehr als fünf Prozent militante Impfgegner gibt. Also mehr als in Finnland. Und dort hat man dieses Ziel schon vor Jahren erreicht», sagt Hans Gammeter.





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