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Tagblatt Online, 07. Mai 2010 01:04:14

Bald eine Minderheitenkirche

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Überaltert: 60 Prozent der regelmässigen Gottesdienstbesucher sind über 70. (Bild: Bild: ky/Alessando Della Bella)

Eine Studie kommt zum Schluss, dass die gesellschaftlichen Megatrends den Fortbestand der reformierten Kirche gefährden. Mit einer Stärkung des Kirchenbundes, dem nationalen Dachverband, will man dies verhindern.

Bei den Reformierten läuten die Alarmglocken: Die unveröffentlichte Studie «Die Zukunft der Reformierten» kommt zum Schluss, dass bis in 40 Jahren lediglich noch 20 Prozent der Schweizer Bevölkerung dieser Konfession angehören. Die Abnahme ist dramatisch: Bis 1950 gehörten 60 Prozent zu den Reformierten, derzeit sind es rund ein Drittel. Seit Jahren rückläufig ist auch die Inanspruchnahme kirchlicher Angebote: Gerade 10 Prozent der Reformierten besuchen heute jeden Sonntag die Kirche – davon sind 60 Prozent über 70 Jahre alt.

Dasselbe Bild bei den Zeremonien: Von der Taufe bis zur Abdankung sind die Zahlen rückläufig. Zudem haben die Evangelischen die zahlenmässige Majorität ausser in Bern in allen Kantonen verloren.

Das wiederum hat Folgen für die Identifikation mit der Kirche. Das Zugehörigkeitsgefühl der Mitglieder gehe verloren, sagt der Religionssoziologe Jörg Stolz, Mitautor der Studie. «Der Fortbestand der reformierten Kirche ist nicht gesichert.»

Reformierte Feudalzeiten vorbei

Ursache für die düsteren Zukunftsaussichten sind gesellschaftliche Megatrends. Die Entflechtung von Systemen wie Schule, Gesundheit und Recht hat zur Folge, dass die Kirche an Einfluss verliert. Um zu funktionieren, brauchen diese Bereiche des öffentlichen Lebens die Religion nicht. Hinzu kommen religiöse Individualisierung und Pluralisierung und das Aufkommen der Mediengesellschaft: Weil die Reformierten – im Gegensatz zu den Katholiken mit Skandalen

und Papstauftritten – wenig «News» liefern, sind sie in der Öffentlichkeit kaum präsent.

Aufgrund dieser Entwicklungen sehen sich die Kirchenleitungen zum Handeln gezwungen. Die Herausforderung lautet: Mit dem Ende der reformierten Feudalzeiten müssen sie sich darauf einstellen, finanziell und personell kleinere Brötchen zu backen. Die Protestanten werden schweizweit, was sie in der Innerschweiz längst sind: eine Minoritätskirche.

«An Vielfalt zugrunde gehen»

Ein Wirtschaftsunternehmen würde sich bei dieser Ausgangslage eine straffe Schrumpfkur auferlegen. Das scheint bei den Reformierten aufgrund ihrer Strukturen unmöglich. Die Basisdemokratie weist den regionalen und lokalen Gremien hohe Selbständigkeit zu. Die reformierte Heterogenität erweist sich als Pferdefuss: «Entweder wir lernen, mit der Vielfalt umzugehen, oder wir gehen daran zugrunde», sagt die Aargauer Kirchenratspräsidentin Claudia Bandixen.

Starke Kantonalkirchen wie Zürich und Bern sind kleine Königreiche, die ihre Prioritäten selber setzen. Aufgrund des kantonal ausgehandelten Verhältnisses zwischen Kirche und Staat verfügen sie über beträchtliche Finanzmittel. Dies im Gegensatz zum nationalen Dachverband, dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK): Finanziell hängt er am Tropf der Kantonalkirchen, inhaltlich hat er ausser dem Verfassen von Papieren zu Themen wie der Minarett-Initiative kaum Kompetenzen. Der höchste Reformierte hatte bisher in der Schweiz wenig zu sagen.

Neues Präsidium, neue Verfassung

Nun scheinen aber die Reformierten zu begreifen, dass ihre Zukunftsplanung über eine schweizweite Strategie führen muss. Hintergrund der Studie von Jörg Stolz ist nämlich eine Verfassungsreform des SEK. Sämtliche aufgezeigten Modelle streben eine Stärkung der Rolle des Kirchenbundes an. Die Zeit für eine Neuorientierung ist günstig: Thomas Wipf, langjähriger Präsident des SEK-Rates und damit höchster Reformierter, tritt auf Ende Jahr zurück. Während es bei den letzten Besetzungen dieses Postens schwer war, überhaupt einen Kandidaten zu finden, kommt es nun am 14. Juni bei der Abgeordnetenversammlung in Herisau zu einer Kampfwahl.

Dabei schicken alle massgeblichen Kräfte des uneinheitlichen Schweizer Protestantismus einen Kopf ins Rennen. Gottfried Locher ist der Kandidat der starken Berner und Zürcher Kirche. David Weiss wird von den kleineren und mittleren Deutschschweizer Kirchen unterstützt – auch von den Ostschweizer Kantonen. Die Romandie, in der wesentlich härtere finanzielle Bedingungen als in der Deutschschweiz herrschen, portiert Didier Halter. So unterschiedlich die Interessen der Kantone sind: Alle Kandidaten wollen einen stärkeren SEK.

Auch die Schweiz verliert

Brauchen die Reformierten eine zweite Reformation? «Langfristig sind sie zu einschneidenden Veränderungen ganz einfach gezwungen», sagt Jörg Stolz. Mit der geringeren Zahl der Evangelischen verliere die Schweiz aber auch einen Teil ihrer Identität. Nämlich die typisch protestantische Mischung von Berufung auf die Bibel, Rationalität und Nüchternheit.

Daniel Klingenberg





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