Tagblatt Online, 19. März 2009 11:20:00
«Steinbrück tut ganz überrascht»
Reaktionen der deutschen Online-Medien auf den Nazi-Vergleich von CVP-Nationalrat Thomas Müller.

Im Parlament sagte der Christdemokrat Thomas Müller am Mittwoch, Steinbrück erinnere ihn "an jene Generation von Deutschen, die vor 60 Jahren mit Ledermantel, Stiefel und Armbinde durch die Gassen gegangen sind". Dass vor 60 Jahren die Bundesrepublik gegründet wurde, um nach den Nazis ein besseres Deutschland aufzubauen, ist dem Schweizer Politiker in der Hitze des Gefechts entgangen.

"Ich bekomme Drohbriefe und werde als Nazi-Scherge beschimpft", sagt dazu nun Steinbrück selbst. Das sei absolut unverhältnismäßig und inakzeptabel. Die Aufregung rühre wohl eher aus dem Bewusstsein, dass die Schweiz jenseits der internationalen Vereinbarungen stehe. Ohne weltweiten Druck hätten die Schweiz und andere Steueroasen nicht angekündigt, ihr Bankgeheimnis zu lockern, sagte Steinbrück.

Müller spielt damit auf die Gestapo der Nazis an, deren Markenzeichen lange schwarze Ledermäntel waren (auch wenn er sich um ein paar Jahre verrechnet hat). Zuvor hatten Zeitungen Steinbrück als „Der hässliche Deutsche“ (Blick am Abend), „Grobian aus Berlin“ (Tages-Anzeiger) und „Herrenmensch“ bezeichnet. (…) Was sagt Steinbrück selbst zu den Pöbeleien aus Bern? Sein Sprecher Torsten Albig zu BILD: „Das ist so absurd und dumm, dass wir es nicht einmal zur Kenntnis nehmen.“

Steinbrück, der kleine Provokationen sowieso liebt und schon einiges an Protest gewohnt ist, tut ganz überrascht über die Empörung. Er habe die Schweizer gar nicht angreifen wollen, richtet sein Sprecher aus. Der Minister habe "zu keiner Zeit und auch mit keiner Silbe" Schweizer in irgendeiner Art und Weise zu Bürgern des amerikanischen Kontinents in Beziehung gesetzt, sagt der Sprecher. "Und er würde auch nicht auf die Idee kommen, dies zu tun."
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