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Tagblatt Online, 29. Januar 2009 01:01:24

Vom Kampf in der Klasse

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Lässt sich nicht aus der Ruhe bringen: Der Französischlehrer Monsieur Marin (François Bégaudeau) mit seinen zunächst widerspenstigen Schülern. (Bild: Bild: Filmcoopi)

Die Schule im Ausländerquartier als Kinothema: Entre les murs (La classe) gewann letztes Jahr – als erster französischer Film seit 21 Jahren – die Goldene Palme von Cannes und ist für den Oscar nominiert. Geri Krebs

Eine Schule, der immer mehr Aufgaben aufgebürdet werden, die sonst niemand übernimmt – auch bei uns ein Dauerbrenner. Was Laurent Cantet in seinem Film «Entre les murs (La classe)» vorführt, das betrifft uns letztlich alle. Er zeigt einen Pariser Lehrer, der mit fast übermenschlicher Anstrengung das Unmögliche möglich macht: Jugendlichen eine Chance geben, die sie in der Gesellschaft kaum haben.

Provokation als Programm

Der arme Kerl, das fängt ja gut an. So denkt man als Zuschauer nach wenigen Minuten, wenn man realisiert, mit was für Jugendlichen es Monsieur Marin (François Bégaudeau), der Französischlehrer, hier zu tun hat. «Warum sollen wir unseren Namen gross auf ein Blatt schreiben», maulen einige der 14jährigen zu Beginn der ersten Lektion des neuen Schuljahres, die mit grosser Verzögerung beginnt. Die Kids sind zu dem Entgegenkommen des Namenaufschreibens erst dann bereit, als auch Herr Marin seinen Namen an die Wandtafel schreibt. Einigen geht es nur um die Provokation: Wann haben wir ihn so weit, dass er ausrastet? Doch Marin lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen, nicht mit unterschwelligen Rassismusvorwürfen durch seine mehrheitlich maghrebinischen und schwarzafrikanischen Schülerinnen und Schüler und auch nicht durch die unschuldig eingestreute Frage, was es eigentlich mit dem Gerücht auf sich habe, er sei homosexuell.

Und doch merkt man dem unerschütterlichen Pädagogen in jedem Moment an, wie sehr er unter Anspannung steht, wie nahe ihm viele der Angriffsversuche gehen. «Diese Klasse soll ein Abbild der französischen Gesellschaft mit all ihren Widersprüchen sein, und sie soll zeigen, wie schwierig Demokratie ist. Demokratie ist nichts Bequemes, da gibt es beständige Reibungen», sagt Laurent Cantet im Gespräch in Zürich und fügt dann an, dass diese Jugendlichen natürlich dauernd Grenzen austesteten, das erlebe er selber auch mit seinen eigenen Kindern.

Bis zum Gewaltausbruch

Der Film zeigt dies zugespitzt, und irgendwann kommt es zum offenen Gewaltausbruch, ein afrikanischer Schüler wird tätlich. Der Grund: Zwei Schülerinnen waren an der Notenkonferenz anwesend und überbrachten der Klasse die Diskussion des Lehrerkollegiums. «Das ist in Frankreich üblich, dass Schülervertreter auch bei sensiblen Lehrerdiskussionen präsent sind, das hat mit dem hiesigen Verständnis von Transparenz und Demokratie zu tun», erklärt Cantet und weist darauf hin, dass auch sonst alle Begebenheiten im Film realitätsnah seien.

Das französische Schulsystem ist im Gegensatz zum schweizerischen zentralistisch geprägt. Ausserdem verdient ein Lehrer – auch im Vergleich mit den tieferen französischen Löhnen – weit weniger als sein Schweizer Kollege, obwohl auch in Frankreich der Schule immer mehr an Erziehungsfunktion aufgebürdet wird.

Doch das Engagement von Lehrern in einer Schule mit überproportional hohem Ausländeranteil ist überwältigend, wie «La classe» eindrücklich vor Augen führt. «Sie mögen das als Plackerei ansehen», so Cantet, «doch für diese Lehrer ist es selbstverständlich, sie geben alles.» Er selber hat an freien Mittwochnachmittagen mit interessierten Schülerinnen und Schülern (sowie mit François Bégaudeau) diese monatelang in Improvisationsworkshops ihre Rollen erarbeiten lassen, so dass das alles verblüffend «echt» wirkt.

In 60 Ländern in den Kinos

Die Mühe hat sich gelohnt, der Film gewann in Cannes den ersten Preis und wurde in 60 Länder verkauft; Cantet ist derzeit ständig unterwegs. «Offenbar spricht der Film bei vielen Leuten eigene Erfahrungen an und vermag so zu berühren», versucht er eine Erklärung für das Phänomen. Und wie sind die Jugendlichen mit dem Erfolg umgegangen? Cantet stolz: «Natürlich weilten sie alle in Cannes und liessen die ungeheure Medienaufmerksamkeit über sich ergehen. Aber das hat sich bald wieder gelegt, sie sind normal geblieben, niemand hat den Kopf verloren. Alle gehen heute wieder in die Schule, und das ist gut so.»





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