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Tagblatt Online, 15. März 2009 13:00:00

Theater St.Gallen auf grosser Fahrt

Der Graf von Monte Christo - Musical Zoom

Der Graf von Monte Christo: Hier noch geprobt, bei der Premiere am Samstag ein Erfolg. (Bild: Bild: Hanspeter Schiess)

ST.GALLEN. Starke Sänger, eine clevere Regie und effektvolle Musik: In St.Gallen hatte das Musical „Der Graf von Monte Christo“ von Frank Wildhorn und Jack Murphy umjubelte Premiere.

Peter Surber

Wasser und Feuer. So zeichenhaft beginnen die beiden Akte. Am Anfang flutet das Meer bühnenhoch, das Element des Seemanns Edmond Dantès und seiner Geliebten Mercédès im meerblauen Kleid. Nach der Pause lodert das Feuer, Symbol des Zorns, mit dem Edmond, jetzt Graf von Monte Christo, seine Widersacher verfolgen wird.

Es ist eine elementare Geschichte, die Jack Murphy (Buch) und Frank Wildhorn (Musik) aus dem tausendseitigen Original herausdestilliert haben. Liebe, Betrug, Hass, Vergebung sind ihre inneren Koordinaten – darauf konzentriert sich die Musicalfassung im Zeitraffer. Sie schnürt aus den tausend Fäden des Romans einen einzigen Erzählstrang mit klaren Hauptfiguren und trotzdem allem Drum und Dran eines Abenteuerromans: Liebeswirren, Dunkelmänner, Kerker und Flucht, Duell und Degengefechte, Piratenromantik, Salonerotik, gerechte Strafe für die Bösen und ein Happy End fürs Liebespaar und fürs Publikum.

Raffinierte Regie
Dass die action- und personalreiche Story so bruchlos abläuft, als hätte Monsieur Dumas père schon ein Musical vor Augen gehabt, ist der geschickten Hand von Regisseur Andreas Gergen zu verdanken sowie seinem vielköpfigen „Kreativteam“, voran Allen Moyer (Bühne), Melissa King (Musical Staging), Susanne Hubrich (Kostüme) und „fettFilm“ (Videos).

Raffiniert werden Szenen ineinandergeblendet. Projektionen weiten den Horizont, von Elba oder Rom bis ans Himmelszelt und in die Vorhölle. Im Kontrast dazu grenzt ein geraffter blauer Prunkvorhang die intimen Szenen im Vordergrund ab. Ein gewaltiger Zerrspiegel lässt im 1. Akt das Boudoir des Grafen flirren, ein noch gewaltigeres „Jüngstes Gericht“ à la Rubens krönt den 2. Akt als Kulisse für den Rachefeldzug des Grafen. Starke Bilder ohne Firlefanz.

„Grosses Kino“ will der St.Galler „Graf von Monte Christo“ sein. Dazu passen die Projektionen im Cinemascope-Format. Doch den Bühnenrand umschliesst ein barocker Guckkastenrahmen. Das ist kein Widerspruch, sondern Programm: Das Musical vertraut auf die Mittel des Live-Theaters und die Kraft der Darsteller. Und wenn es Kino „spielt“ – so beim todesmutigen Taucher ins Meer, mit dem sich Edmond aus der Kerkerhaft befreit - geschieht dies mit cleverer Bühnentechnik und einem Schuss Ironie. Keine Stunts.

Statt Blendwerk: Fantasie
Ein paar Klappen im Boden: Und wir sind in das Gefängnis versetzt, wo Edmond und sein Lehrmeister Abbé Faria (Dean Welterlen) sich in die Freiheit graben, und gleich darauf auf die Insel Monte Christo, wo aus den Klappen der Goldschatz gleisst. Zwei fahrbare Podeste: Und wir sind auf dem Piratenschiff von Luisa Vampa (Ava Brennan), Jacopo (Kurt Schrepfer) und ihrer punkigen Truppe, in den Katakomben Roms oder im Ballsaal des Grafen.

Hier beim Ball, im Ensemblestück „So wie man hört“, kommt alles zusammen, was gutes Musical ausmacht: Die Pariser Haute-volée erwartet den geheimnisvollen Grafen, die Worte schwirren, die Musik schaukelt die Spannung hoch, die Fächer der Damen schlagen den Takt zu den perfekt choreographierten Tanzschritten, Gerüchte fliegen sich zu – nur eine bewegt sich wie in Trance, aber bleibt stumm: Mercédès, Edmonds Geliebte, unglücklich mit dem fiesen Mondego verheiratet. Und dann erstarrt die Musik, ein Paukenschlag, es erscheint, ein Riesenschatten erst nur, der Graf. Rot wie das Feuer der Rache.

Thomas Borchert erinnert da einen Moment an Dracula, den er vor fünf Jahren in St.Gallen gesungen hat. Zum damals ziemlich eindimensional Dämonischen kommen jetzt aber Emotion und Charaktertiefe hinzu, zum imposanten Fortissimo die subtilen Zwischentöne. Und zum Gesang kraftraubende Fechtkämpfe – eine gewaltige Partie, die Borchert bravourös meistert. Allerdings: Der Preis lohnt die Mühe. Sophie Berner ist in Stimme und Erscheinung eine berückende Mercédès, fragil und zugleich erdig ist ihr Sopran und ungepresst auch im heftigsten Affekt. Ein Juwel ist das Fernduett „Niemals allein“: Mercédès vorn beim Gebet, Edmond hinten im Kerker, himmeln sich die beiden an und finden zum zuckersüssen, aber gleichwohl berührenden Zwiegesang.

Quer durch die Stile
Komponist Frank Wildhorn malt mit kräftigen Pinseln und bedient sich quer durch die Musikgeschichte. Der Prolog zitiert Verdis „Requiem“, ein andermal glaubt man Debussy zu hören, die Gesellschaft walzert wienerisch, der Karneval venezianisch, die Piraten halten es eher mit Rock, die drei Bösewichte (Carsten Lepper, Christoph Goetten, Karim Khawatmi) bringen sich mit harten Synkopen in Stimmung. Effekt ist alles, doch resultiert daraus eine höchst farbige Partitur, welcher sich das Sinfonieorchester St.Gallen in grosser Besetzung unter Koen Schoots leidenschaftlich annimmt.

Ein Schwachpunkt sind die formelhaften Texte. „Folg deinem Herz.“ „Wir sprengen die Ketten.“ „Die Welt wartet auf dich.“ Herz reimt auf Schmerz, schlagertauglich zumindest in der deutschen Übersetzung. Das ist unter dem Niveau der ganzen Produktion, die sich auszeichnet durch individuelle Figuren, eine erfindungsreiche Regie und starke Besetzung bis in die kleinen Rollen (weiter im Cast: Daniel Berini, Barbara Obermeier, André Bauer, Ensemble, Chor und Statisten).

Standing Ovation des Premierenpublikums. Zu recht: Das Theater St.Gallen hat mit dem „Graf von Monte Christo“ eine weitere Feuer- und Wasserprobe im internationalen Musicalbetrieb bestanden.





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