Tagblatt Online, 04. Dezember 2008 01:05:37
Spanische Liebeleien
Stets ein Kompliment auf den Lippen: Der spanische Maler (Javier Bardem) zwischen Ex-Frau (Penelope Cruz) und amerikanischer Touristin (Scarlett Johansson). (Bild: Bild: Frenetic)
Woody Allen verstrickt in «Vicky Cristina Barcelona» zwei Amerikanerinnen in Turbulenzen um einen Latin Lover. Im mediterranen Barcelona setzt New Yorks populärster Stadtneurotiker ein leichtgewichtiges, mitunter zu geschwätziges Bäumchen-wechsle-dich-Spiel in Szene. Andreas Berger
Wieder die schöne Scarlett Johansson in aufregenden amourösen Affären, wieder Schüsse auf dem Höhepunkt der emotionalen Achterbahnfahrt – und trotzdem ist Woody Allens jüngstes Œuvre nicht nur deshalb anders als die vorangegangenen Filme «Match Point», «Scoop» und das ohne Johansson gedrehte Kriminaldrama «Cassandra's Dream», weil es diesmal ohne Leichen endet.
Die offensichtlichste Neuerung in Allens Schaffen kündet bereits der dritte Name im Filmtitel an. Zum ersten Mal hat der am 1. Dezember 1935 unter dem Namen Allen Stewart Konigsberg geborene Regisseur, Schriftsteller und Komödiant einen Film zur Hauptsache in Spanien gedreht. Geographisch ist die Distanz zwischen New York und Barcelona nicht grösser als jene zwischen New York und London, meteorologisch wie mentalitätsmässig aber herrscht in der spanischen Metropole ein ganz anderes Klima als in London oder Allens Heimatstadt.
Gegensätzliches Duo
Gleich in den ersten Einstellungen lässt «Vicky Cristina Barcelona» das Publikum in betont schön gefilmte sonnige mediterrane Gefilde eintauchen. Gleich in den ersten Bildern auch macht Allen klar, dass er Spanien nur aus Touristenperspektive kennt. Konsequenterweise beginnt er die Geschichte, die er nach eigenem Drehbuch inszeniert hat, mit der Ankunft zweier Touristinnen in Barcelona und stellt diese Studentinnen auch in den Mittelpunkt der Handlung.
Vicky, verkörpert von der bisher nur in Christopher Nolans «The Prestige» aufgefallenen Schauspielerin Rebecca Hall, und Cristina (Scarlett Johansson) sind eng miteinander befreundet. Wie extrem gegensätzlich ihre Charaktere sind, zeigt sich schon bald in der Begegnung mit dem Maler Juan Antonio (Javier Bardem), der die beiden Frauen spontan zu einem Ausflug nach Oviedo einlädt und dabei auch gleich zugibt, dass er von einem flotten Dreier im Bett träumt.
Die beruflich wie privat vor keinem Experiment zurückschreckende Cristina ist sogleich bereit, sich auf das Angebot einzulassen, und geniesst auch Juans lobende Bemerkungen über ihre «sinnlichen Lippen», die mit einem Biedermann namens Doug verlobte und auch sonst auf sichere Werte setzende Vicky dagegen möchte sich mit einem Drink begnügen und will von Sex mit einem «total stranger» überhaupt nichts wissen.
Vom Dreieck zum Viereck
Es gehört zur absehbaren Ironie der Geschichte, dass die Skeptikerin als erste in den Armen des verführerischen Spaniers landet und die andere erst später zum Zug kommt. Noch beträchtlich turbulenter wird die Handlung, als das Liebesdreieck zu einem Viereck erweitert wird. Standesgemäss spektakulär führt sich Penélope Cruz als Juans Ex-Frau Maria Elena mit einem Selbstmordversuch ein; sie ist dann psychisch so angeschlagen, dass Juan gar nicht anders kann, als sie wieder bei sich wohnen zu lassen, obwohl sie ihm einst ein Messer in den Körper rammte.
Im Ton einer leichten Sommerkomödie lässt Woody Allen diese Geschichte von einem unsichtbaren Erzähler vortragen. Das lässt «Vicky Cristina Barcelona» mehr als einmal als unfertigen Film erscheinen, denn der Kommentator neigt nicht nur zu unnötiger Geschwätzigkeit, er sagt auch vieles, was man sogleich wieder vergisst, was für die Handlung gar nicht wichtig ist oder was sich einfacher und doch wirkungsvoller in Bildern schildern liesse; problemlos könnte man mehr als die Hälfte des Off-Textes streichen und hätte nicht einen substanzärmeren, sondern im Gegenteil einen reichhaltigeren Film. Denn wo immer der Erzähler verstummt und sich die Inszenierung auf die Protagonisten konzentriert, ist der Film packend und belustigend wie die besten Woody-Allen-Komödien.
Pointierter als der Kommentar sind die hitzigen Wortgefechte. Erwartungsgemäss ausgezeichnet ist die schauspielerische Besetzung. Rebecca Hall behauptet sich problemlos neben der gewohnt souveränen Scarlett Johansson. Von der tiefsten Depression zur höchsten Euphorie – im Porträt von Maria Elena darf Penélope Cruz ganz dick auftragen.
Javier Bardem im Zentrum
Eigentliches Zentrum der Handlung aber ist die Don-Juan-Figur des Malers, die nichts zu tun hat mit den ständig sich selber hinterfragenden Neurotikern, mit denen sich Woody Allen üblicherweise beschäftigt. Javier Bardem, Oscar-preisgekrönt für den Killer mit der eiskalten Miene und der lächerlichsten Frisur der Kinogeschichte in Joel und Ethan Coens «No Country for Old Men», gibt sich in der Charakterisierung Juans weich, liebenswürdig und charmant und treibt dieser Figur, die leicht zum schmierigen Schürzenjäger hätte verkommen können, mit zurückhaltendem Spiel jedes Klischee aus; wie er in seinem chaotischen Beziehungsgeflecht immer in sich selber ruht, etabliert er einen Lebensentwurf, wie man ihn bei Woody Allen noch nie gesehen hat.
-
Weitere Artikel zu diesem Thema:
- Artikel empfehlen:









