Tagblatt Online, 24. Februar 2010 06:33:00
Sexspiele im Museum
Der Swingerclub in der Secession. (Bild: Bild: element6)
Der Schweizer Künstler Christoph Büchel provoziert in Wien mit Gruppensex. Erregt reagieren aber bloss politische Sittenwächter und Boulevardmedien.
Rudolf Gruber
Böse Zungen behaupten ja, in der Wiener Secession – gegründet 1897 von einer Gruppe Wiener Künstler – sei seit Gustav Klimts Beethovenfries nichts mehr Aufregendes passiert. Das Gemälde mit teils splitternackten Gestalten war 1902 ein grosser Skandal. Heute ist das Bild die Hauptattraktion des Museums. Geht es nach den Sittenwächtern, provoziert fast einhundert Jahre später der Schweizer Künstler Christoph Büchel an derselben Stätte wieder einen «Pornoskandal». Im Keller der Secession installierte der Basler einen ganz realen Swingerclub.
Mitmachen oder nur zuschauen
Pornovideo-Projektionen, mit Matratzen belegte Separees, eine Sadomaso-Kammer, ein Darkroom und ein gynäkologischer Stuhl sollen das Publikum nach 21 Uhr zu allerlei Sexspielchen einladen (nur Erwachsene werden eingelassen). Wer nicht mitmachen will, kann auch einfach nur zuschauen. Wie verlautet, reagierten die Besucher der ersten Nächte über das Angebot weniger erregt als vielmehr sprachlos-verdutzt.
Für den 43jährigen Basler Künstler Büchel ist der Swingerclub im Museum nur eine logische Fortführung seines Schaffens. Er verpflanzte schon Wettbüros und ein Solarium ins Museum. Die Provokation ist dabei gewollt. Gewöhnlich reagieren die kunstbegeisterten Wiener auf derlei Provokationen kaum. Die Boulevardmedien und konservative Politiker tun Büchel jedoch den Gefallen und inszenieren daraus den gewünschten Skandal.
Politiker ereifern sich
So ereifert sich die notorisch kunstfeindliche Rechtspartei FPÖ über einen angeblichen «Sittenverfall». Parteichef Heinz Christian Strache wirft der Stadtregierung vor, sie müsse völlig durchgeknallt sein, wenn sie öffentlichen Gruppensex mit 90 000 Euro unterstützt.
Pro-Helvetia-Gelder involviert
Zu den Sponsoren der Installation gehört auch die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia mit einem Beitrag von 15 000 Franken. Klar, dass da auch der «Blick» einen Skandal wittert.
«Ist Sex im Museum schon Kunst?», titelte die Boulevardzeitung. Und wirft der Pro Helvetia vor, den Besuchern der Wiener Secession ihr Sexabenteuer zu subventionieren.
Die Büchel-Aktion, so versichert Gabi Högler, die Betreiberin des Swingerclubs Element 6, finanziere sich selbst aus Eintrittsgeldern und Werbeeinnahmen.
Pius Knüsel, Direktor der Pro Helvetia, schützt Büchel: «Kunst soll unbequem sein, die Augen öffnen und auch zeigen, dass es sexuelle Praktiken gibt, vor denen man die Augen schliesst, die quasi im Hinterhof stattfinden.» Getreu dem Secession-Motto: «Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit.»
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