Tagblatt Online, 05. Februar 2009 01:03:04
Monströs autoritäre Frau
Zwielichtige Machtfrau: Meryl Streep als respekteinflössende Schwester Aloysius in «Doubt». (Bild: Bild: Walt Disney)
Interview Meryl Streep Im packenden Filmdrama «Doubt» liefert die höchstdekorierte Schauspielerin Hollywoods als katholische Schwester Aloysius ein Duell mit einem liberalen Priester. André Wesche
André Wesche
Der Trailer zu «Doubt» (Quelle: Miramax)
Mrs. Streep, welcher Aspekt hat Sie an Ihrer Filmfigur Schwester Aloysius besonders interessiert?
Meryl Streep: Ich finde Schwester Aloysius unendlich interessant. Wir schauen sie an und finden sie sehr respekteinflössend. Dabei verfügt sie in Wirklichkeit über keine echte Macht, ausser über die Kinder. Auf dem Papier ist sie die Schulleiterin, aber der Turnlehrer ist ihr Vorgesetzter. Sie ist Teil einer Organisation, in der sie niemals höher aufsteigen wird. Aloysius ist unversöhnlich, autoritär und unnachgiebig, sie hat eine eiserne Schale. Was hat sie so werden lassen? Warum wird sie so hellhörig, wenn es um mögliche Verbrechen an Kindern geht? Was verbirgt sich da in ihr? All diese Fragen haben mich über ihre Vergangenheit nachdenken lassen. Die Grundhaltung eines Menschen zur Welt ist immer das Resultat vergangener Erfahrungen, Wunden und Traumata.
Ist ein stimmiges Drehbuch für einen Schauspieler eher beruhigend oder eine besondere Herausforderung?
Streep: Ich war in diesem Falle sehr erleichtert. Je besser das Skript ist, desto mehr Futter hast du. Es kommt allerdings nur sehr selten vor, dass ich einen Film mache, bei dem ich vorher schon jemanden in meiner Rolle gesehen habe. Meine Freundin Cherry Jones hat Schwester Aloysius am Broadway gespielt und diese Rolle definiert. Ich musste diese Erinnerung auslöschen, um nicht von ihr zu stehlen, wozu ich eine gewisse Tendenz habe.
Im Subtext dreht sich dieses Stück um Macht und Diskriminierung. Sind Sie im Laufe Ihrer Karriere auch mit Formen von Diskriminierung konfrontiert worden?
Streep: Oh ja, sicher, auf viele verschiedene Weisen. In meinem Beruf bekommen Frauen noch immer geringere Gagen als Männer. Ist das eine Überraschung? Es ist wie in jedem anderen Beruf auch, und es ist eine Art der Diskriminierung. Als junge Schauspielerin wurde ich wiederholt wegen meines Aussehens diskriminiert. Aber es ist nicht einfach, über diese Dinge zu reden. Gemessen an der Skala der Ungerechtigkeiten in dieser Welt ist das ein kleineres Übel. Menschen müssen Ungerechtigkeiten erdulden, weil manch einer keine Deutschen mag, keine dicken oder alten Menschen. Menschen diskriminieren sich gegenseitig. Liefere jemandem einen Grund, einen anderen nicht zu mögen, und er wird ihn dankbar annehmen.
Sind Sie ein religiöser Mensch?
Streep: Ich interessiere mich sehr für Religionen und für gläubige Menschen, das habe ich schon immer getan. Ich selbst gehöre keiner Kirche an. Es ist immer spannend, sich mit dem Sinn des Lebens auseinanderzusetzen. Ich bin selbst auf der Suche, auch wenn ich das Ausmass der Frage, die ich gern stellen möchte, noch gar nicht erfassen kann.
Schwester Aloysius hat auch eine sympathische Seite.
Streep: Nicht jeder wird das so empfinden. Sie ist kompliziert. Manchmal bekommt man ein Drehbuch in die Hand, und die Figur erscheint einem sehr eindimensional. Dann ist es die Aufgabe des Schauspielers, das zu unterminieren und der Figur unterschwellig ein paar Dimensionen zu verleihen und sie mit ihren Erfahrungen und Gefühlen in der Realität zu verankern. Das habe ich in «Doubt» ebenso gemacht wie in «Der Teufel trägt Prada».
Sehen Sie Parallelen zwischen Schwester Aloysius und Ihrem Charakter aus «Der Teufel trägt Prada»?
Streep: Es gibt durchaus eine Ähnlichkeit. Wenn man einen Film anschaut, in dem eine ältere Frau eine Autoritätsperson darstellt, wird von diesem Charakter in aller Regel etwas Furchteinflössendes, Monströses, Übergrosses ausgehen. Ich habe solche Frauen in «Der Manchurian Kandidat», «Der Teufel trägt Prada» oder «Doubt» gespielt. Vielleicht manifestiert sich darin unser Unbehagen bei der Vorstellung, dass sich Frauen in einer Machtstellung befinden.
Woran zweifelt Aloysius in der letzten Szene des Films, an ihrem Glauben oder an ihren Taten?
Streep: Dessen soll man sich nicht sicher sein. Der Film fordert zu solchen Diskussionen heraus. Es wird nichts aufgeklärt. Man muss genau hinschauen und die Fehler dieser Menschen für sich analysieren, sofern sie denn welche begangen haben.
Wie halten Sie es persönlich mit dem Vergeben und dem Vergessen?
Streep: Ich vergesse nichts. Aber ich bin nie nachtragend.
Haben Sie bei der Erziehung Ihrer Kinder auch eine autoritäre Seite?
Streep: In jeder Ehe gibt es den einen, den die Kinder um Erlaubnis fragen. Für gewöhnlich ist das der Vater. Meine Kinder haben dafür das Kürzel DTM entwickelt: Don't tell mom, erzähl's nicht der Mama, für den Fall, dass ich ein Telefongespräch mithöre: «Ja, ich weiss. Das war lustig! DTM!.»
In jeder Rolle erwartet man von Ihnen eine oscarreife Vorstellung. Setzt Sie das unter Druck?
Streep: Ich habe noch nie eine Rolle ausgewählt, weil vielleicht im Februar ein Pferderennen stattfindet. Das käme mir nie in den Sinn. Ich glaube nicht, dass irgendein Schauspieler so denkt.
Hat Sie der grosse Erfolg von «Mamma Mia!» überrascht?
Streep: Nein. Das Musical haben sich 30 Millionen Menschen angeschaut, da überrascht es nicht, wenn auch der Film ein Hit wird. Selbst wenn nur Leute Tickets gekauft hätten, die das Musical auf der Bühne gesehen haben, wäre es ein Grosserfolg gewesen. Aber Hollywood war sehr überrascht. Benny und Björn sind zu meinen besten Freunden geworden. Als ich mit ihnen im Studio war, um die Titel für den Soundtrack einzuspielen, hatte ich den grössten Spass meines Lebens. Ich fühlte mich wie ein echter Rockstar!
Wird es eine Fortsetzung geben?
Streep: Ich habe keine Ahnung, wie man das anstellen sollte. Vielleicht «Grand-Mamma Mia»?
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