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Tagblatt Online, 05. Juni 2009 01:02:34

Lügendetektor an der Hand

Zoom

Bilder lösen Gefühle aus: Die Sammlungsausstellung im St. Galler Kunstmuseum wird zum Forschungsfeld. (Bild: Bild: Michel Canonica)

eMotion Kann man «Kunst» messen? Und falls ja, wie könnte das getan werden? Diesen Fragen widmet sich ein internationales Forscherteam aus fünf Nationen und ebenso vielen Universitäten in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum St. Gallen. Brigitte Schmid-Gugler

Stellen Sie sich vor, Sie besuchen ein Kunstmuseum. Streifen durch die Räume, und stehen plötzlich vor Hodlers prachtvollem Gemälde «Linienherrlichkeit»: Eine nackte Schönheit mit prallem Hintern dreht Ihnen den Rücken zu, tanzt selbstvergessen in einer Wiese voller Blumen. Was für ein Anblick! Eine Wonne des Entzückens durchströmt Sie! Ihr Herz schlägt schneller, vielleicht beginnen Sie gar, leicht zu schwitzen.

Sie treten nahe an das Bild heran, möchten es gar gerne berühren, bewegen sich ein paar Schritte von ihm weg, bleiben nochmals stehen, um sich dann in anhaltender Verzückung auf die nächste Wand zuzubewegen. Wären sie nun eine Probandin oder ein Proband des Experiments «eMotion», dann würde Ihre Befindlichkeit über die rechte Hand an einen Server weitergeleitet, der Ihre emotionale und kognitive Erregbarkeit aufzeichnet und sofort auswertet.

Sechs Wochen Forschung

Ein solches Vorgehen erinnert an sehr viele «Übers» – Überwachung, Übergriff, Überprüfen, Überführung. Und überhaupt ein bisschen an George Orwell. Kann man jetzt nicht mal mehr ins Museum gehen, ohne getestet zu werden? Man kann. Es sei denn, man stelle sich freiwillig dem gestern angelaufenen Projekt im Kunstmuseum St. Gallen zur Verfügung und erlebe, was Forschung will und wie sie dies anstellt.

Ob sie Antworten erhalten wird auf eine fast endlose Anzahl von Fragen, wird sich bei der Gesamtauswertung nach sechs Wochen zeigen, wenn das Experiment abgeschlossen ist. Es wird der vorläufige Höhepunkt sein einer dreijährigen Vorbereitungszeit, die ihren Anfang am Institut für Design- und Kunstforschung, einem Zweig der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel, nahm.

Interdisziplinäres Forschen

Dort hatte der Projektleiter Martin Tröndle die Idee, in einem neuartigen, interdisziplinären Verfahren der Frage nachzugehen, ob und wie das «Kraftfeld Museum», der Begriff stammt von Alexander Dorner, einem der Gründerväter kuratorischen Arbeitens, überhaupt funktioniert. Gemeinsam mit einem fünfzehnköpfigen Team von Forscherinnen und Forschern aus den Bereichen Kunstpsychologie, -soziologie und -theorie sowie Spezialisten aus den Branchen der visuellen

Repräsentation, der Besucherforschung, der inszenatorischen Praxis, der Szenographie und des Audiodesigns erarbeitete Tröndle ein Konzept, das die Erfahrung Museumsbesuch experimentell untersuchen soll. Dabei hat jede Disziplin ihr eigenes Interesse an den Resultaten, welche jedoch letztlich zusammenfassend Aufschluss darüber geben sollen, mit welchen Vorgehensweisen die Wechselwirkungen zwischen Kunst, deren Präsentationsweise und Besuchern optimiert werden könnten.

Das Kunstmuseum als Partner

Sodann ging es darum, ein geeignetes Museum für die Durchführung zu finden. Mit dem Museum St. Gallen und dessen Leiter Roland Wäspe habe man einen idealen Forschungspartner zur Seite, sagte Martin Tröndle. Ausserdem biete die Ausstellung von Sammelbeständen mit ihrem Überblick vom Impressionismus bis zur Gegenwart die ideale Voraussetzung für das Experiment. Andererseits, gesteht Tröndle, habe es bei der Suche nach einer geeigneten Institution seitens der Museumsdirektoren auch Absagen gegeben, «Kunst ist nicht messbar», sei eine Erklärung gewesen; «wir missbrauchen unser Publikum nicht als weisse Mäuse» eine andere.

Das Projekt wird mit 250 000 Franken vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützt und gesponsert von der Firma Ubisense, dazu kommen Eigenmittel des Basler Instituts sowie die Umsetzungskosten im Museum selbst, so dass das gesamte Forschungsprojekt auf rund eine halbe Million Franken zu veranschlagen ist. In diesem Betrag drin ist das wichtigste Utensil, nämlich der Handschuh. Dieser, ausgerüstet mit einer der neuesten Schöpfungen in der Tracking –Technologie zur Messung von Herzraten und Hautleitwerten, wurde 30fach hergestellt, das Stück zu 4000 Franken.

Mit diesem Produkt am Arm, welches willigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Mindestalter von 18 Jahren über die rechte Hand gestülpt wird, machen sich diese auf den Weg durch die Werkgruppen. Voraus ging eine Befragung durch eine Mitarbeiterin des Museums zur Häufigkeit von Museumsbesuchen, zur Einschätzung von Kunst allgemein, zu bevorzugten Kunstrichtungen und deren Kenntnisse, zu Ausbildung und beruflicher Tätigkeit.

Kann zu diesem Fragenkatalog noch geschummelt werden, gilt vom Augenblick des Durchwanderns der aktuellen Ausstellung 11:1 (+3) die blanke Wahrheit. Anders als bei einem EKG beim Arzt, wo der Patient in einer ruhenden Stellung auf Herz und Nieren geprüft wird, zeichnet der «Lügendetektor» an der Hand die eigene Wahrnehmung, die Gemütsbewegung, das Tempo des Gehens, die Länge des Anhaltens in Kürzestfrequenzen von zehn Mal pro Sekunde auf und setzt sie in einem vom Klangkünstler Chandrasekhar Ramakrishnan entwickelten Soundtrack in ein hörbares «Wummern» um. Am Ende des «psychogeografisch kartierten Museums», wie sich das Projekt im Untertitel nennt, folgt an einem Bildschirm eine weitere Befragung mit einer sechsstelligen Antwortskala und die Auswertung des Rundgangs über den Rechner. Dazu projiziert Steven Greenwood seine bildnerische Umsetzung via Monitor auf den Fussboden. Die Teilnehmer erhalten als «Geschenk» den ausgedruckten eigenen Rundgang mit den aufgezeichneten Bewegungsabläufen und den Farbfeldern, welche die emotionalen Reaktionen aufzeigen – vergleichbar mit der Wärmemessung an einer Hausfassade.

Die Stunde der Wahrheit

Bereits hätten zahlreiche Institutionen ihr Interesse angekündigt und das Team an Kongresse eingeladen, sagt Tröndle. Um das weit über die üblichen sozialwissenschaftlichen Erhebungsmethoden und Darstellungsformen hinausreichende Experiment erfolgreich abzuschliessen, benötigt die Forschergruppe 100 Teilnehmer pro Woche. Ob es, wie angekündigt, «bahnbrechende» Erkenntnisse liefern wird? In der Besprechung des zweiten eben erschienenen Buches des Wissenschaftsjournalisten Reto U. Schneider über abstruse Experimente, wird der Verdacht geäussert, Wissenschafter könnten merkwürdige Menschen mit merkwürdigen Ideen sein. Immerhin erfahren wir, ob Hodlers nackte Frau, oder doch eher die winzigen Interventionen von Nedko Solakov unseren Herzschlag gumpen liess…





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