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Tagblatt Online, 11. Juni 2009 08:35:00

Geld verloren, Kunst gewonnen

Zoom

55 Handlungsbahnen von Franz Erhard Walther in «Art Unlimited». (Bild: Bild: ky/Georgios Kefalas)

BASEL. Zum 40. Mal hat die bedeutendste Kunstmesse eröffnet. Wie es mit der Kunst nach der grossen Kauferei weitergeht, steht noch nirgends geschrieben. Ursula Badrutt Schoch

Die Nordländer haben es unter der Federführung von Elmgreen/Dragset an der Biennale in Venedig im Pool ausgebreitet: Der Kunstsammler, der sich mit viel Geld Pomp und Ruhm besorgte, ist tot. Nackte Taugenichtse räkeln sich in Designermöbeln, die protzige Villa samt Sammlung steht zum Verkauf und niemand will sie. Schwarzer Humor ist der Rettungsring. Die Rolex aber bleibt versenkt.

Jetzt ist der ganze Kunsttross an der Art in Basel. Ein gigantisches schwarzes Kreuz überragt den Messeplatz. Valentin Carron aus Martigny hat es – symbolische Überhöhung und minimalistische Geste – aus Tannenholz zusammengebrettert. Ansonsten gibt sich der Auftakt der Art Basel im öffentlichen Raum im Vergleich mit früheren Jahren auffallend bescheiden. Ein Hang zu Reduktion und Minimalismus nicht nur als Stil kündet sich rundum gegen aussen hin an.

Opulente Täuschungen

An der 10. Ausgabe der von der UBS unterstützten «Art Unlimited» mit ihren ambitionierten Werken auserlesener Galerien hält sich dann allerdings die Bescheidenheit in Grenzen. Vor »Location 6» des Belgiers Hans Op de Beeck wächst eine Geduld fordernde Menschenschlange heran, denn der Zugang zum monumentalen Panorama mit meditativer Winterlandschaft ist limitiert.

Aufwendige Dimensionen auch bei der Spiegelarchitektur von Sarah Oppenheimer, in Andro Wekuas Mysterienkabinett oder bei Stefan Balkenhols Schnitzarbeiten.

Hinter Beat Zoderers buntem Globus konnte Fabrice Gygi (bei Carousel Paris)ein paar «Minoviras», Wort-Form-Kombinate aus Minen und Viren, verstecken, die an der Biennale in Venedig nicht genehmigt wurden.

Überhaupt funktioniert die aufschaukelnde Dynamik zwischen den beiden Kunst-Highlights bestens; so sorgt auch hier Natalie Djurberg mit einer Filminstallation für narrative Vergnügen der skurrilen Art, mit Rhinozeros gebärenden Frauen und solchen, die sich in einen Walfischbauch einnähen.

Mehr Sicheres, mehr Platz

Erfrischende Wohltaten sind das Monster aus Altpapier des Kameruners Pascale Marthine Tayou (Galerie Continua San Gimignano), die Spinnenobjekte von David Shrigley

(bei Wallner Kopenhagen) und das weisse nette Tasttier «A Beauty 2» mit Mond im Maul von Nedko Solakov (Minini Brescia).

Ein Hang zu gestandenen Namen und sicheren Werten ist auszumachen, etwa bei Giovanni Anselmo mit Granitblöcken und Sigmar Polkes Wolkenbildern von 1992, aber auch mit Hans-Peter Feldmanns «100 Jahre» von 1996–2000 oder «The Ballad of Sexual Dependency» von Nan Goldin aus den 70er-Jahren; die Beobachtung verstärkt und verifiziert sich beim Gang durch die Messe.

Sie ist wohl zu interpretieren als eine Folge von Wirtschaftskrise und abnehmender Risikobereitschaft bei den Galerien.

Welch treffendes Statement, das da Ayse Erkmen in den Ort «unbegrenzter Kunst» bringt! Sie umwickelte schlicht und intelligent eine das Dach tragende Säule mit einem Band, auf dem unendlich mal «limited» zu lesen ist.

In den in früheren Jahren zum Bersten überfüllten und von Hektik durchdrungenen Messekojen ist der Ansturm in der Tat begrenzt. Es bleibt wieder Raum, sich in Ruhe umzusehen, und Zeit, sich den einen oder anderen Kauf genauer zu überlegen, Infos einzuholen und den Geldsäckel noch etwas im Hosensack zu behalten.

Fundstücke

Doch halt: Da liegt eine dicke Brieftasche am Boden – ein fies raffiniertes Werk von Christoph Büchel (55 000€), der bei Hauser & Wirth auch gleich noch seinen Schlüsselbund verhökern lässt.

Für 100 000 € bekommt man Zugang zu Wohnung, Atelier und frischrenoviertem Häuschen in Island. So tiefe Produktionskosten dürften auch den Galeristen freuen. Den Künstlerinnen und Künstlern scheinen Humor und Biss zum Glück nicht auszugehen.

Von Jonathan Monk hängen bunt bemalte Fahrradgestelle an der Wand – was von Velos übrigbleibt, wenn sie eine Weile im öffentlichen Raum stehen (Wallner Kopenhagen). Ein Ostschweizer Sammler liebäugelt damit.

Preislich liegen jüngere, konzeptionell orientierte Künstlerinnen und Künstler am für die Art Basel unteren Preissegment. Überhaupt sind die Preise stabil geblieben; also auch nicht gefallen. Auch für Skizzen Gregor Schneiders zu seinen absurden Bauten interessiert sich der Sammler und notiert vorerst mal die Preise. Für eine der dunklen Batiken von Matti Braun müsste man blosse 5000 € lockermachen.

Gut investiert dürfte in Arbeiten von Simon Starling sein. «Mirrored Wall Head», eine Trockenmauer aus Steinen, die teilweise in aufwendigem Verwahren gespiegelt wurden, kostet 120 000 €. Dafür ist gleich auch der Galerieraum verkleinert. Etwa gleich viel kostet eine Malerei von Franz Ackermann (Galerie Neugerriemschneider Berlin).

Wenig Ansturm

Doch noch ist kaum etwas über die Ladentische gegangen.

Galerist Bruno Bischofberger und Galeriedirektor Tobias Müller erfreuen sich sichtlich an der aufsehen- erregenden Präsentation von Warhols «Big Retrospectiv Painting» (vgl. unsere Ausgabe vom letzten Samstag). Er rechne nicht damit, dass das Werk am Ende der Art verkauft sei, meint Bruno Bischofberger gelassen. Am liebsten sähe er dieses wichtige Werk in einer Museumssammlung.

Da braucht die Finanzierung Zeit. Er hat sie. Iwan Wirth geht diesbezüglich anders vor: die zwei Tonnen Roni-Horn-Skulptur hat er erst angeschleppt, nachdem Interessenten abgesichert waren.

Wie die Umsätze ausfallen werden, ob die Art mit 40 in eine Midlife-Krise geraten ist oder weiter Haltung und Umsatz bewahrt, zeigt sich erst am Ende der Messe, das für einmal mit Spannung statt mit der gewohnten Erfolgsmeldung erwartet wird.





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