Tagblatt Online, 23. Dezember 2008 01:01:54
Gaukler wollen reden
Der Hauptdarsteller und sein Regisseur: Armin Mueller-Stahl (rechts) und Heinrich Breloer bei den Dreharbeiten zu «Buddenbrooks». (Bild: Bild: Stefan Falke, aus: Thomas Manns Buddenbrooks – ein Filmbuch)
Der deutsche Weltstar Armin Mueller-Stahl spielt den Konsul Jean Buddenbrook in Heinrich Breloers Verfilmung von Thomas Manns «Buddenbrooks» – ab Donnerstag in unseren Kinos.
Interview: André Wesche
Sie haben zugunsten der «Buddenbrooks» darauf verzichtet, am Tom-Cruise-Film «Operation Walküre» mitzuwirken. Haben Sie das je bereut?
Armin Mueller-Stahl: Überhaupt nicht. Mein Agent in Amerika wollte unbedingt, dass ich dabei bin. Und es wäre zu kombinieren gewesen. Ich war neben «Buddenbrooks» ja schon mit Tom Tykwer für «The International» engagiert, und ein dritter Film hätte sicherlich reingepasst. Aber ich bin aus dem Alter heraus, in dem ich von einem Set zum anderen laufe. Ich habe mich für Heinrich Breloer entschieden, mit dem ich in «Die Manns» eine gute Arbeit gemacht habe. Er ist ein «Mister Allegretto», weil er immer begeistert ist und für die Stoffe brennt.
Was reizte Sie daran, Jean Buddenbrook zu spielen?
Mueller-Stahl: Breloer verfilmt Themen, die nicht a priori Quotenrenner sind. «Die Manns» konnte er er nur nach seinem Erfolg mit «Todesspiel» durchsetzen. Die Humanisten, wo kommen sie denn vor? Wir sehen Filme über Stalin, wir haben unendlich viele Filme über Napoleon und Hitler: Hitler und die Frauen, Hitler im Bunker, Hitler mit den Generälen. Er ist präsent, er bringt Quote. Der grosse Schriftsteller Thomas Mann bringt nicht zwangsläufig Quote. Breloer hat eine Nase für Dinge, die ebenfalls wichtig für uns sind. Dafür muss man manchmal weit in die Vergangenheit blicken. Es gibt keinen Popstar, der es mit Mozart aufnehmen könnte. Seit Shakespeares Tod wird Hamlet fast ununterbrochen irgendwo aufgeführt. Wir orientieren uns an solchen wegweisenden Kreationen, und Breloer ist jemand, der uns mit Nachdruck auf sie stösst.
Familienglück und geschäftlicher Erfolg sind bei Buddenbrooks untrennbar miteinander verbunden. Wie wichtig ist der Kommerz heute in einer Partnerschaft?
Mueller-Stahl: Es sind so viele Facetten, die eine Familie ausmachen. Idealerweise hat man einen Partner im Geiste an seiner Seite, mit dem man gemeinsame Erlebnisse haben möchte. Erlebnisse sind Markierungen in jeder Autobiographie. Erlebt man nichts, schrumpft die Vergangenheit zu einem grauen Häufchen Zeit zusammen. Mit jemandem bis zum Ende seines Lebens zusammen zu sein, ist ein erfüllbarer Traum. Man sollte über alle Massen dankbar sein, wenn man seinen Lebenspartner gefunden hat.
Ihre Darstellung des Thomas Mann in «Die Manns» wurde oft als die Rolle Ihres Lebens bezeichnet. Sehen Sie das ähnlich?
Mueller-Stahl: Wenn die anderen das sagen, was soll ich mich wehren? Es gab viele Rollen, die viel schwerer, intensiver waren, wie «Music Box», auch «Utz» und «In the Presence of Mine Enemies», Filme, die alles von mir gefordert haben. Nach Rücksprache mit Breloer habe ich mich entschlossen, Thomas Mann nicht bis ins Detail so zu spielen, wie er wirklich war. Ich habe nicht die CDs mit seinen Reden verinnerlicht. Er kam aus der Zeit des Expressionismus, er ist tatsächlich auch sehr laut geworden. Wenn ich das gemacht hätte, hätten wir den Film ruiniert. Ich sagte, ich werde mich ihm nur ausleihen, die gleichen Energien übertragen. Ich habe gar nicht viel gespielt, ich war ich.
Sehen Sie persönliche Parallelen zu Thomas Mann?
Mueller-Stahl: Allenfalls in der Tatsache, dass er gerne ein Gaukler sein wollte. Er übertrieb ja furchtbar gerne, er las sehr gerne vor. Ich ziehe mich gern mal in die Einsamkeit zurück, male oder schreibe. Aber diese Gauklerhaftigkeit, das Redenwollen, wenn man schon mal in der Öffentlichkeit ist, das ist eine Ähnlichkeit. Zu Hause bin ich nicht so redefreudig. Thomas Mann lachte auch furchtbar gerne. Wenn der Chaplin da war, hat er sich immer an seiner Seite herumgedrückt und wollte lachen. Mir ging es so, als ich mit Robin Williams «Jakob der Lügner» drehte. Ich habe ihm immer gesagt, halt mir einen Platz neben dir frei, ich würde gerne lachen.
Den Mann, den Sie gespielt haben, hat man nicht lachen sehen.
Mueller-Stahl: Doch, es gibt eine Szene mit der Tochter, die er auf den Schoss nimmt und ihr etwas vorspielt. Wir hätten Mann auch gern mit Chaplin gezeigt, aber ein Drehbuch kann nie alles wiedergeben. In Filmen reduziert man sich auf die Zeit, die man zur Verfügung hat. Es hätte mir übrigens sehr am Herzen gelegen, Heinrich Mann zu spielen. Ich finde nach wie vor, «Der Untertan» und «Henri Quatre» sind grosse Romane. Auch seine politische Haltung ist mir wichtig. Er stand immer in Thomas' Schatten, das Schicksal war ungerechter zu ihm als zu Thomas. Ihn hat es zu sehr gelobt und Heinrich zu wenig.
Bei den Buddenbrooks ist die Kunst keine Karriere-Alternative.
Mueller-Stahl: Noch heute ist es doch in Elternkreisen weit verbreitet, dem Springinsfeld den Traumberuf des Rockstars oder – noch schlimmer – des Schauspielers auszureden. Mach lieber etwas Anständiges, heisst es dann, die Malerei ist eine brotlose Kunst! Und dann liest man in der Zeitung, dass Gerhard Richter Millionen Euro für ein Bild bekommt. Wir sind zwar sehr stolz auf unsere Spitzenkünstler, aber wenn unsere eigenen Kinder diesen Weg beschreiten wollen, zweifeln wir an ihren Talenten und Chancen. Die Künstler der Vergangenheit, sie leben hoch. Von den Künstlern der Zukunft wollen wir aber nichts wissen.
Stehen sich Ihre verschiedenen Talente manchmal gegenseitig im Wege?
Mueller-Stahl: Nein, sie befruchten sich. Rückblickend würde ich sagen, ich hätte vielleicht etwas anders gemacht in meinem Leben, vielleicht hätte ich nur 5 Jahre Theater gespielt und nicht 25, ich hätte mich wohl mehr der Musik und der Malerei gewidmet. Diese beiden Dinge, das Zeichnen und das Komponieren, fallen mir sehr leicht. Wenn man im Bad vor dem Spiegel steht, sich rasiert und da-die-die-die macht, hat man eine Melodie. Schon kann ich die Harmonien darunter suchen.
In der DDR waren Sie im Visier der Stasi. Haben Sie Ihre Stasi-Akten eingesehen und herausgefunden, wer Ihnen geschadet hat?
Mueller-Stahl: Ich habe nachgelesen und viel entdecken können. Mein «Hauptfeind» war mein bester Freund, den konnte ich sofort entschlüsseln. Es steht noch immer ein Telegramm aus, das ich ihm schreiben wollte: «Wenn in der intensiven Freundschaft, die wir hatten, eine Schweinerei angestanden hat, dann ist es mir doch sehr viel lieber, Du hast sie begangen.» Davon bin ich überzeugt. Deswegen piesackt mich diese Vergangenheit nicht mehr so sehr, Hass hat noch nie etwas gebracht. Ich habe viele Gedichte über die Stasi gemacht, die Verhöre, die Alpträume; ich will diese Dinge weder schön- noch miesreden, noch will ich sie zum Thema meines Lebens machen. Damals sagte ein Mann zu mir: «Passen Sie auf, dass es Ihnen nicht so ergeht wie in <Die Flucht>.» In diesem Film werde ich auf offener Strasse erschlagen. Das war dann der Abschied aus der DDR.
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