Tagblatt Online, 18. August 2009 01:01:46
Frisch aus der Werkstatt
Hans Sachs, der Schuhmacher ohne Schuhe, in Katharina Wagners «Meistersinger»-Inszenierung. (Bild: Bild: Bayreuther Festspiele)
Bayreuther Festspiele Übers Jahr werden die Inszenierungen der Wiederaufnahmen in der Werkstatt überholt. Beobachtungen beim Wiedersehen. Alfred Rutz
Auf dem Grünen Hügel bei den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth steht in diesem Jahr keine Neuinszenierung an. Umso mehr durfte man darauf gespannt sein, was die «Werkstatt Bayreuth» aus dieser Tatsache macht. Weil die Opern jeweils über mehrere Jahre wiederholt werden, kann an ihrem Outfit von Festival zu Festival gefeilt und verbessert werden. Im Gegensatz zu Bühnen mit Jahresbetrieb eine Chance, auf berechtigte Einwände und Kritiken einzugehen. Die Ergebnisse sind so unterschiedlich, dass man von ästhetischen Wechselbädern sprechen kann.
Unterkühlter «Tristan»
Die Inszenierung des Schweizers Christoph Marthaler wird dieses Jahr zum fünften und letzten Mal gezeigt. Im Vergleich mit der Premiere ist dieser «Tristan» das Werk, an dem offenbar am wenigsten nachgebessert wurde. Entsprechend sind Resultat und Zuschauer-Eindruck: Langweilig, statisch und unterkühlt. Ein Segelschiff mit Tristan und Isolde aus dem 11. Jahrhundert lässt sich auf diese Art nicht in einen modernen Cruiser des 21. Jahrhunderts umwandeln. Da stimmen dann die verschiedenen Handlungsstränge nicht überein.
Manches aus Original-Libretto und -Partitur lässt sich so auf der Bühne nicht zur Wirkung bringen; etwa wenn König Marke mit einer Jagdgesellschaft direkt aus dem Wald kommend das Liebespaar überrascht. Zudem ist die Personenführung völlig statisch und steril.
Ganz anders Stefan Herheims «Parsifal». Seine Inszenierung strahlt starke Impulse aus.
Durch ein kluge Verknüpfung des Heilsmythos um den Gral mit der Geschichte der Bayreuther Festspiele entsteht eine bedrückende Spannung mit epischem Schwung. Dass dabei auch Hitler, Nationalsozialismus und Hakenkreuz eine Rolle spielen, ist unvermeidbar. Im Klingsor-Akt erlebt man parallel zu Parsifals Erkennen seiner menschlichen Schuld Menschen auf der Flucht vor den Nazis.
Herheim liefert eine Werkinterpretation auf der Basis der Rezeptionsgeschichte, die oft unter die Haut geht, vor allem bei jenen, die diese Zeit noch selbst erlebt haben.
Leichtfüssiger «Meistersinger»
Die neue Mitleiterin der Festspiele, Katharina Wagner, hat Wagners einzige heitere Oper inszeniert: «Die Meistersinger von Nürnberg». In ihrer Regie bekommt das Werk ein ebenso leichtflüssiges wie leichtblütiges Gepräge.
So ist Ritter Stolzing, der eigentlich ein Symbol für die Erneuerung der Kunst sein soll (hier durch Erneuerung der Gesangs-Stollen des Meistersangs) ein sprayender und Farbe vergeudender Street-Art-Revolutionär und zudem ein rüpelhafter Jungmann, der gern demonstriert, dass er die Welt total verändern möchte.
Oder der Schuhmacher Hans Sachs, der über weite Strecken barfuss auftritt, soll vermutlich den Zunftmeister versinnbildlichen, der sich menschlich nicht über seine Erzeugnisse definieren lässt, sondern ein eigenständiger und souveräner Mann ist, der dann auch durch den Verzicht auf Eva zugunsten von Stolzing seine Grösse und Unabhängigkeit bekundet. So ist diese Inszenierung voll von süffigen Chiffren, zu deren Entschlüsselung man aber solide Textkenntnisse des Librettos bedarf. Nur so ist es nämlich möglich, die verschiedenen Metaebenen der Interpretation zu verstehen.
Ein aufgefrischter Ring
Noch immer spricht man vom «Jahrhundert-Ring» des Franzosen Chereau. Die Inszenierung des «Rings des Nibelungen» durch Tankred Dorst wird dieses Attribut wohl nie erhalten. Doch trotz der Bruchstückdramaturgie ist eine bestimmte Leitlinie auszumachen, die sich durch alle vier Opern des Rings zieht («Rheingold», «Die Walküre», «Siegfried» und «Götterdämmerung»). Hier ist am besten zu erkennen, was der Begriff «Werkstatt Bayreuth» bedeutet: Dorst wollte das Geschehen auf zwei Ebenen sich abspielen lassen, um die Aktualität des Stoffes aufzuzeigen. So lässt er gelegentlich mitten in das mythische Geschehen zur Nibelungenzeit Mechaniker im modernen Overall und Radfahrer auftreten. Leider geschah dies in den beiden Vorjahren zumeist zur szenisch falschen Zeit. Jetzt ist das alles einleuchtend korrigiert. Auch Bühnenbild und Kostüme wie Bildsymbole sind wirkungsvoll, so etwa der übergrosse Vollmond bei Siegmunds Lied in Hundings Hütte: Winterstürme wichen dem Wonnemond.
Musikalische Glanzpunkte
Orchester und Dirigenten überzeugen in allen Werken mit subtiler Dynamik, mit Klangfülle und Klangschönheit. Wagners Vorschlag, den Orchestergraben für Zuhörer unsichtbar zu machen, hat zu einem überwältigenden Wohlklang geführt. Dis Musiker kommen dafür beim Beifall etwas zu kurz, da man sie nicht zu Gesicht bekommt. Das gilt natürlich nicht für die Dirigenten, die zum Applaus vor den Vorhang treten. Alle Dirigenten vermögen heuer voll zu überzeugen, an der Spitze der meistbeschäftigte Chef des «Rings», Christian Thielemann.
Die Besetzung der Rollen ist mehr als zufriedenstellend. Gesangstechnisch voll auf der Höhe sind sie wohl alle. Sicherlich sind Abstufungen dieses Könnens auszumachen, aber im Ganzen konnte kaum von einer einzigen Fehlbesetzung gesprochen werden. Musikalisch bietet Bayreuth wirklich Aussergewöhnliches.
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