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Tagblatt Online, 30. Juli 2009 01:04:46

Die neue Herrin auf dem Grünen Hügel

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Lange Zeit unterschätzt: Katharina Wagner, Chefin der Bayreuther Festspiele. (Bild: Bild: ap/Uwe Lein)

Die neue Herrin auf dem Grünen Hügel

Sie habe einen festen Händedruck und eine tiefe Bardamenstimme. Sie führe saloppe Reden, versprühe Energie, sei schnell, leutselig, schlagfertig, entscheidungsfreudig. So hat die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» Katharina Wagner geschildert. Sie sei blond, schön und still, schrieb der «Stern», «bloss die Dekolletés werden von Jahr zu Jahr lauter». Und ihre lebhaft gehasste Cousine Nike hat von ihr gesagt, sie sei ein «dressiertes Kind» im «gemachten Nest».

Mit der Halbschwester Eva hat sie dreissig Jahre lang kein Wort gesprochen. Seit diesem Sommer nun ist Katharina Wagner Chefin der Bayreuther Festspiele, zusammen mit ebendieser Schwester, und die beiden verstehen sich ausgesprochen gut. Vater Wolfgang, der in einigen Wochen seinen neunzigsten Geburtstag begeht, hat sich derweil aufs Altenteil begeben, nachdem er von 1951 an die Bayreuther Festspiele jovial-diktatorisch geleitet hatte, bis 1966 zusammen mit Bruder Wieland, seither allein.

Papas Lieblingstochter

Eva Wagner-Pasquier und Katharina, das sind auch zwei Generationen: Katharina ist 31, Eva Wagner-Pasquier 64 Jahre alt. Die eine ist buntes Aushängeschild, die andere Opernmanagerin. Keine schlechte Kombination. Das Aushängeschild, Katharina eben, ist dabei lange massiv unterschätzt worden. Im Streit um Wolfgangs Nachfolge auf dem Grünen Hügel galt sie zu sehr als Papas Lieblingstochter, als dass man ihr genug Eigenständigkeit und Originalität zugetraut hätte.

Und zwar obwohl beides schon vor einigen Jahren sichtbar geworden ist. Da hat die Urenkelin Richard Wagners in Würzburg einen «Fliegenden Holländer» hingelegt, bei dem die Fetzen flogen – und Wagners Erlösungsfinale kurzerhand gestrichen wurde. In Berlin hat sie Puccinis «Il Trittico» inszeniert, vor zwei Jahren dann in Bayreuth die «Meistersinger». Sie hat dabei die Lieblingsoper nationalistischer Kreise radikal gegen den mittelalterlich-romantisierenden Strich gebürstet – und sich auch dieses Jahr, bei der Wiederaufnahme, wieder etliche Buhrufe eingehandelt.

Aufbruch in Bayreuth

Doch was soll's: Bayreuth lebt, das Mausoleum ist kein Mausoleum mehr. Und Wagners unergründliches Werk zeigt sich so vital wie selten. Dabei ist, weil vieles noch von Wolfgang langfristig disponiert worden ist, erst in Umrissen zu erkennen, wie die beiden Urenkelinnen die Festspiele verändern werden. Sie werden sie öffnen, zweifellos. Letztes Jahr gab es erstmals Public Viewing, dieses Jahr eine Kinderoper.

Und die beiden Schwestern haben bekanntgegeben, sie wollten das dunkle Kapitel historisch aufarbeiten lassen: Jene Zeit nämlich, da Adolf Hitler gern und oft gesehener Gast bei Winifred Wagner war, die den Grünen Hügel über Jahrzehnte beherrscht hat.

Im übrigen gilt es abzuwarten. «Schon beim <Lohengrin> nächstes Jahr können Sie unsere Handschrift sehen», sagt Eva Wagner-Pasquier. Der musikalische Revolutionär Richard Wagner wird sich im Grab freuen. (R. A.)





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