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Tagblatt Online, 04. Dezember 2009 08:26:00

Der professionelle Zuhörer

KOPF DES TAGES

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«Dienstleister am Publikum»: Florian Scheiber, der St. Galler Konzertdirektor. (Bild: Bild: Hannes Thalmann)

Der professionelle Zuhörer

Er sei nicht eitel, sagt Florian Scheiber zu Beginn des Gesprächs. Eine nützliche Eigenschaft für einen, der die Fäden im Hintergrund zieht für jene auf dem Podium und im Scheinwerferlicht: für Orchestermusiker, Solisten und Dirigenten.

Auch heute abend, beim Festkonzert 100 Jahre Tonhalle St.Gallen, wird der Glanz auf andere fallen und Florian Scheiber unauffällig im Publikum sitzen. Aber ohne ihn sässen die andern nicht dort oben. Als Konzertdirektor der Genossenschaft Konzert und Theater St.Gallen ist Scheiber für die Programme der Sinfoniekonzerte und der anderen Konzertreihen zuständig. Er engagiert die Musiker, konzipiert in Absprache mit dem Chefdirigenten und einer Zweierdelegation des Orchesters die Werkwahl, verfasst alle Programmtexte und verantwortet die Finanzen – mit einem Wort: «Mein Job hier umfasst, was an grösseren Häusern drei Leute machen. Das ist manchmal viel, aber auch die Faszination an dieser Arbeit.»

Seit 2004 ist Scheiber in St. Gallen. Zuvor hatte er im bayrischen Passau Kulturmanagement studiert beziehungsweise den damals so betitelten Pionier-Studiengang «Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien» absolviert. Ein «dipl. kult» sei er offiziell, lacht Scheiber.

Als Manager des Gustav-Mahler-Jugendorchesters, welches Claudio Abbado noch zur Zeit des Eisernen Vorhangs gegründet hatte, lernt er das Metier und die Crème der Dirigenten kennen und wechselt dann als Geschäftsführer des Sinfonieorchesters nach Münster.

Mit ihm entdeckt er, auf Tournee, die Schweiz. So kommt ihm der Job in St.Gallen zupass – und die Begeisterung für die Stadt, wo er mit Frau und Kindern lebt, und für «sein» Orchester hält bis heute an: «Es ist so gut, dass man alles aufführen kann.»

Zum Beispiel sein Lieblingsstück? Von der Frage hält Scheiber nicht viel. Er könnte unzählige «liebste» Werke und Komponisten nennen.

Um Haydn, um Bach, um Mozart komme natürlich keiner herum, Mozarts Klavierkonzerte sind ihm besonders lieb, eine Schwäche hat er aber auch für «zweitklassige» Musik, für Komponisten wie Moscheles, Hummel usw. – weil man aus deren Werken viel über ihre Zeit lernen könne. «Erstklassige Musik ist zeitlos – zweitklassige ist zeitgebunden.»

Im Vordergrund aber steht für den Konzertdirektor nicht sein eigener Geschmack, sondern «ein Programm, das hier in St. Gallen Anklang findet». Scheiber sieht sich als «Dienstleister am Publikum» – das tönt nüchtern, aber aus jedem seiner Worte spürt man einen, der der Musik verfallen ist.

Den Zeitpunkt dieser «Infektion» kann Scheiber genau benennen.

Posaune spielt er schon früh, mit 14 hat er dann einen «prägenden Musiklehrer», der mit der Klasse den «Freischütz», Carl Maria von Webers Oper durchnimmt. Das fasziniert ihn so, «seither gab es für mich nichts anderes mehr.» Er liest, vertieft sich in Musik – und stellt das eigene Musizieren hintenan: Lieber wolle er Musik hören, «als mich selbst auf einem Instrument abzustümpern.»

So nennt Scheiber sich heute einen «professionellen Zuhörer». Beizufügen wäre: Es ist einer, dem man gern lange zuhört beim Reden über Musik. (Su.)





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