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Tagblatt Online, 24. Juni 2008 01:13:16

Der heisse Sommer 1968

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Der Krawall braut sich zusammen: Demonstration in Zürich vor dem Globus-Provisorium am 29. Juni 1968. (Bild: Bild: ky)

Ende Juni 1968 entlud sich in Zürich die gereizte Stimmung unter der Jugend im Globus-Krawall. Die Hintergründe vergegenwärtigt die Historikerin Elisabeth Joris.

Mit dem Zürcher Globus-Krawall am Wochenende vom 29. auf den 30. Juni 1968 schien die globale Protestbewegung definitiv auch die Schweiz erfasst zu haben. Sie war seit dem Attentat auf den Studenten Rudi Dutschke in Berlin vom April und der Mai-Revolte in Paris zum zentralen Thema aller Medien avanciert. Nach dem Umzug des Warenhauses Globus ins neue Haus an der Bahnhofstrasse forderten junge Frauen und Männer ultimativ das frei gewordene Provisorium nahe des Hauptbahnhofs. Ein massiver Polizeieinsatz führte zu Strassenschlachten, die als Fanal der Rebellion wahrgenommen wurden, vor dem die «Neue Zürcher Zeitung» zwei Wochen zuvor mit der gross aufgemachten Titelgeschichte «Wehret den Anfängen» gewarnt hatte.

1968 in Zürich war aber weit mehr als Globus-Krawall. Die kulturelle Rebellion zielte auf das ganze Leben: Manches wurde neu gedacht, aber auch kreativ und hartnäckig erprobt. Zügellos und ernsthaft zugleich wurden Stilfragen verhandelt, Konventionen durchbrochen und die eigenen Biographien neu entworfen. Vom Wohnen, Kleiden und Lieben bis hin zum Diskutieren und Protestieren stand alles zur Disposition.

Sehnsucht nach dem prallen Leben

In den von Hochkonjunktur geprägten 60er-Jahren strotzte die Schweiz bei politisch stabilen Verhältnissen vor moralischer Behäbigkeit, und es herrschte Kalter Krieg auch im Landesinneren. An allen Ecken und Enden wurde kommunistische Gefahr heraufbeschworen, die «Schnüffelpolizei» überwachte die Linke bis hin zur Sozialdemokratischen Partei. Gleichzeitig hatten Frauen in der Schweiz kein Stimmrecht. Ihre Ehemänner konnten ihnen die Berufsarbeit verbieten. Abtreibung war illegal, während sich ledige Frauen die Pille kaum verschaffen konnten. In den meisten Kantonen war das Konkubinat nach wie vor verboten. Jeans galten als vulgär und der Sound von Jimmy Hendrix wurde als «Negermusik» bezeichnet. Zwar kritisierten einige Intellektuelle wie Max Frisch die kulturelle Enge, und die Friedensbewegung wehrte sich gegen die atomare Aufrüstung in der Schweiz und anderswo. Es war dann aber der amerikanische Bombenhagel auf das kommunistische Nordvietnam, der das Aufbegehren in eine breite internationale Protestbewegung einband. An diesem skandalösen Krieg kristallisierte sich nicht nur in Zürich der Unmut vieler, mehrheitlich junger Männer und Frauen mit linken Idealen.

Unter dieser Jugend grassierte die Wut auf moralinsaure Autoritäten ebenso wie die Sehnsucht nach dem prallen Leben und die Lust am Aufbrechen. Ein Lebensgefühl, das die Rolling Stones mit ihrem «I can't get no satisfaction» auf den Punkt brachten. Als die Band im April 1967 nach Zürich kam, pilgerten all die lebenshungrigen jungen Frauen und Männer ins Hallenstadion. Die kollektive Aufwallung mündete nicht nur in der Zerstörung der Klappstühle, sondern vor allem in der – auch körperlich erfahrenen – Konfrontation mit der Polizei. Vorstellungen des Aufbruchs und der Ablehnung bürgerlichen Biedersinns überlagerten sich seitdem mit dem emotional aufgeladenen Protest gegen Repräsentanten der Meinungsbildung und der politischen Macht, kurz gegen das «Establishment».

Internationaler Resonanzraum

Die Stadt Zürich war Mitte der 60er-Jahre mit über 400 000 Einwohnerinnen und Einwohnern in der Deutschschweiz der stärkste Resonanzraum für den internationalen Aufbruch. «Ab nach Zürich», geriet auch in der Ostschweiz zum Losungswort, um fern von kleinstädtischer oder ländlicher Sozialkontrolle das Neue zu erproben.

In Zürich schuf Urban Gwerder mit dem «Hotcha» die erste Untergrundzeitung der Schweiz mit direktem Draht nach Kalifornien. Im Herbst 1967 zelebrierten Hippies mit dem ersten Love-In auf der Allmend – San Francisco liess grüssen – eine Frieden versprechende Welt voller Musik und Blumen. Auf dem Limmatquai wurde mit Ho Chi Minh gegen den Krieg in Vietnam demonstriert, an der Universität prangerte die Fortschrittliche Studentenschaft Zürich in Teach-Ins das Regime des Schahs von Persien und die Ausbeutung der Dritten Welt an. Und Ende Mai 1968 wurde vor dem Konzert von Jimmy Hendrix im Hallenstadion das «Flugblatt der Antiautoritären Menschen» mit dem Aufruf «Rebellion ist berechtigt» verteilt. Als einige Konzertbesucher vor dem Stadion ein Feuer entfachten, schritt die Polizei mit Knüppeln und scharfen Hunden ein. Als kurz darauf die Bilder der Strassenkämpfe rund um das Globus-Provisorium über Zeitungen, Radio und Fernsehen überall in die gute Stube flatterten, verbreitete sich die Angst vor der Revolte in den Köpfen vieler Schweizerinnen und Schweizer.

Vielfältige Formen des Aufbruchs

Die Fixierung auf den heissen Zürcher Sommer 1968 verdeckt die Bedeutung der weniger spektakulären kulturellen Formen des Aufbruchs. Kollektive Wohn- und Arbeitsformen, feministische Kritik, antiautoritäre Erziehung oder das alternative Fussballspiel in geschlechtergemischten Gruppen verwandelten die Gestaltung des eigenen Lebens ebenso zur politischen Praxis wie der Protest gegen die institutionellen und wirtschaftlichen Träger der Macht.

Die Heimkampagne, mit der Zöglingen Anfang der 70er-Jahre bei der Flucht aus Arbeitserziehungsanstalten geholfen wurde, machte die skandalösen Zustände in den Anstalten und die Erneuerung des Strafvollzugs medienwirksam zum Thema. Die Besetzung von zum Abriss freigegebenen Häusern geriet zum Fanal für spätere städtebauliche Bewegungen und für die Erhaltung von Freiräumen.

Wie folgenreich eigene und angeeignete Räume für das stilistische Experimentieren waren, zeigte neben der seit den 60er-Jahren wachsenden Beat-Szene vor allem der neue Schweizer Film. Fredi Murer als dessen bekanntester Exponent begann seine Karriere mit dem dadaistischen «Chicorée», in dem «Hotcha»-Herausgeber Urban Gwerder als Hauptdarsteller agierte. Mit dem Filmkollektiv und dem «Filmcoopi» entstanden Produktions- und Verleihstrukturen, ohne die weder ästhetische Innovationen möglich gewesen wären noch ein kritisches Kino wie «Krawall» von Jürg Hassler oder «Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.» von Richard Dindo und Niklaus Meienberg. Auch der Nachwuchs im gestalterischen Bereich schuf Experimentierfelder, aus der die Kunstfachschule F + F oder die Produzentengalerie hervorgingen, zu deren Gründungsmitgliedern die Malerin Rosina Kuhn, Cristina Fessler, Hugo Schumacher und Roland Gretler gehörten, die mit ihren Werken auch gesellschaftlich-politisch Stellung beziehen wollten.

Das Kollektiv als Gegenmodell

Nach dem Motto «Nicht mehr einsam – nein gemeinsam!» verkörperten die Kollektive den gegenkulturellen Aufbruch, der auch das Private mit einbezog. In Kommunen und Experimentierkindergärten versuchten Aktivistinnen und Aktivisten zwei ihrer Ideale – individuelle Entfaltung und solidarische Verantwortung – miteinander zu verknüpfen und gleichzeitig ein Gegenmodell zu schaffen zu der als Hort der Unterdrückung der autonomen Persönlichkeitsentwicklung von Frauen und Kindern verschrienen Kleinfamilie. Die Heimkampagne schlug als Alternative zur Heimerziehung Wohngemeinschaften vor, und das neu gegründete Anwaltskollektiv machte das bis anhin von karrierebewussten Anwälten vernachlässigte Strafrecht zu ihrem Tätigkeitsfeld. Es unterstützte Frauen in Scheidungsfällen und bot zu einkommensabhängigen Tarifen niederschwellige Rechtsauskunft ohne Voranmeldung.

Wie das Anwaltskollektiv verstanden das Psychoanalytische Seminar, das in seinem Ausbildungsprogramm Freud und Marx verband, oder die nach dem Globus-Krawall eröffnete Druckerei Ropress ihre Arbeit als aktiven Widerstand gegen die materiellen Ansprüche und normativen Zumutungen der Mächtigen sowie gegen das herrschende Leistungs- und Wettbewerbsprinzip. Auch die Redaktionen der linken Zeitschriften «Focus» und «Agitation» funktionierten als Kollektiv. Als solche dienten sie wie die Genossenschafts-Buchhandlungen als Vertriebskanäle für alternative Gesellschaftsentwürfe.

Vom Kollektiv erhofften sich die 68erinnen und 68er die Auflösung aller Widersprüche sowie die Befreiung von Unterdrückung, Entfremdung und Ausbeutung des Menschen. Gleichzeitig imaginierten sie es als Hort von Stärke und Autonomie. Dieses hoffnungsfrohe Konstrukt war jedoch in sich widersprüchlich. Einerseits galt es, Entscheidungen basisdemokratisch zu fällen, andererseits hatten sich die einzelnen Mitglieder diesem Entscheid zu unterwerfen. Hierarchien liefen dem Prinzip des Kollektivs zwar zuwider, informelle Statusunterschiede liessen sich jedoch nicht vermeiden und waren in starkem Masse geschlechtshierarchisch geprägt: Während die Männer als Wortführer auftraten, wirkten die Frauen oft im Hintergrund. Im Rahmen der «Frauenbefreiungsbewegung» (FBB) kritisierten 68erinnen nicht nur die gesellschaftliche Diskriminierung, sondern ebenso grundlegend das Verhalten der eigenen Genossen.

Die Frage nach dem Anfang und Ende

Rückblickend macht die Vielfalt der Protestbewegungen die Dauer von 68 zur offenen Frage. Abzuwägen wäre vor allem, was sich nicht durchsetzte oder was von Bestand war. Die Alternative Fussballmeisterschaft gibt es noch immer, auch wenn die in den 70er-Jahren abgelehnten Schiedsrichter wieder eingezogen sind und die Frauen sich nicht mehr mit den Männern mischen. Nach den anfänglichen Höhenflügen und heftigen internen Konflikten gelang nicht wenigen Kollektiven wie der Ropress der Sprung ins 21. Jahrhundert. Auch das Psychoanalytische Seminar oder die Filmcooperative existieren noch. Die Kommunen bezeichnete man schon damals eher als WG, auch wenn die heutigen WGs etwas anders funktionieren. Und die Frauenbefreiungsbewegung marschiert weiter durch die Institutionen.

Neben den beabsichtigten Wirkungen sind Ideen der 68erinnen und 68er aber stets auch kommerzialisiert worden. So erscheint heute die sexuelle Befreiung beispielsweise in Form einer hypersexualisierten Werbung. Zudem sind vor allem die sozialistischen Ideologien von 68 historisch zum Teil so diskreditiert, dass sich ehemalige Aktivistinnen und Aktivisten, die einer antikapitalistischen Weltsicht keineswegs abgeschworen haben, fragen: Wie war es möglich, dass ich den Kult um Ikonen der Bewegung wie Mao so kopflos mittrug? Die gegenwärtige Praxis, diese Aktivistinnen und Aktivisten für alle heutigen gesellschaftlichen Probleme als Folgekosten von 68 verantwortlich zu erklären – quasi als kollektive Schuld – , ist aber ebenso unsinnig wie die Fixierung auf den heissen Sommer 1968. Als Chiffre für grundlegende Neuorientierungen des Wertekanons und neue Formen der Politisierung jedoch ist «68» allen Kontroversen zum Trotz bereits in die Geschichte eingegangen.

Elisabeth Joris, Jahrgang 1946, hat in Zürich studiert und ist dort freischaffende Historikerin und Geschichtslehrerin. Sie hat die Neue Frauenbewegung mitgeprägt und mit ihren historischen Arbeiten der Frauengeschichte in der Schweiz zum Durchbruch verholfen. Zusammen mit Erika Hebeisen und Angela Zimmermann hat sie das Buch «Zürich 68. Kollektive Aufbrüche ins Ungewisse» herausgegeben (Verlag hier+jetzt, Baden 2008).




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