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Tagblatt Online, 29. Juni 2009 07:39:00

Der Umstrittene

Oper Samson Zoom

Warten auf «Samson et Dalila»: Bild von den Proben auf dem St.Galler Klosterplatz. (Bild: Bild: Coralie Wenger)

Samson et Dalila eröffnet die St. Galler Festspiele. Ihr Schöpfer Camille Saint-Saëns steht im Zentrum – ein ebenso produktiver wie seltsamer Komponist.

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Die Uraufführung von «Samson et Dalila» findet 1877 in Weimar statt. Was am Freitag auf dem Klosterplatz die diesjährigen St. Galler Festspiele eröffnete, ist in der Heimat für lange Jahre kein Thema. Denn Camille Saint-Saëns, ihr Komponist, ist ein ebenso berühmter wie umstrittener Mann – mal in Frankreich, mal in Deutschland. Erst 1890 holt die Oper von Rouen das Versäumte nach, da aber ist Saint-Saëns schon über alle Berge.

Ohne Halt und Bindung
Er steckt gerade in der zweiten grossen Lebenskrise. Kurz zuvor ist seine Mutter gestorben. Camille Saint-Saëns gibt seine Wohnung in Paris auf, am 9. Oktober 1889, seinem 54. Geburtstag, reist er über Granada und Málaga nach Cádiz, wo das Scherzo opus 87 für zwei Klaviere entsteht – nach dem Urteil seines Biographen Michael Stegemann «musikalisches Zeugnis der Krise und eines der erstaunlichsten Werke, die Saint-Saëns je komponiert hat». Die Uraufführung in Paris ruft die gegensätzlichsten Reaktionen hervor, manche halten Saint-Saëns für verrückt.

In einem kurzen Brief teilt er mit, er wolle «weitab, in einem anderen Klima entspannen», und schifft sich ein auf die Kanarischen Inseln – unter Pseudonym. Rasch geht das Gerücht, Saint-Saëns sei ertrunken. Schon bald taucht er wieder in Paris auf, aber nur um eine wahre Odyssee anzutreten. Vierzehn Jahre lang zieht Saint-Saëns umher, ohne festen Wohnsitz, von Hotel zu Hotel, von Konzert zu Konzert. Er flieht jeden Halt und jede Bindung, menschlich nah ist ihm einzig sein Kammerdiener Gabriel Geslin. Was seither die Vermutung nährt, er könnte homosexuell gewesen sein. Tatsächlich aber, meint Stegemann, «entspricht das wenige, was man über Saint-Saëns' Intimleben weiss, eher dem Bild eines asexuellen Menschen».

Zwei Mütter, ein Wunderkind
Er ist ein Wunderkind, dessen Leben von Tragik durchwirkt ist, auch wenn sein Protagonist wenig davon nach aussen dringen lässt. Das fängt schon früh an: Kurz nach der Geburt Camilles am 9. Oktober 1835 stirbt der Vater, er wächst «unter der Obhut zweier Mütter auf: der, die mich zur Welt gebracht hatte, und meiner Grosstante Charlotte Masson». Ihnen verdankt er viel, auf der einen Seite.
Denn die beiden Frauen fördern seine künstlerischen Neigungen nach Kräften. Mit dreieinhalb komponiert Camille sein erstes Stück – Mozart schafft das erst mit fünf.

Der Preis des Erfolgs
Auf der andern Seite aber zahlt er einen hohen Preis, ein Leben lang. Die Mutter isoliert ihn fast völlig von der Welt, solange sie lebt, bleibt sie sein einziger Bezugspunkt. Einmal versucht er auszubrechen – wobei nicht so recht klar wird, ob es tatsächlich ein Ausbruch ist: Mit fast vierzig Jahren geht der Komponist in der kleinen Stadt Le Cateau mit der neunzehnjährigen Schwester eines Schülers die Ehe ein.

Saint-Saëns ist ausgesprochen kinderlieb. Bald kommt der erste, zwei Jahre darauf ein zweiter Sohn zur Welt. Das Glück scheint perfekt zu sein. Dann aber nimmt das Unglück seinen Lauf. Am 28. Mai 1878 lehnt sich der Erstgeborene André im vierten Stock aus dem Fenster und stürzt in die Tiefe. Wenig später stirbt auch das zweite Kind, an einer Lungenentzündung.

Die Trennung
Es gebe, schreibt Stegemann, «kaum Hinweise darauf, wie Saint-Saëns auf diese doppelte Tragödie reagiert hat». Auch über seine Ehe weiss man herzlich wenig. Im Sommer 1881 begleitet er seine Frau zu einer Kur in einen Badeort. Am nächsten Morgen findet Madame Saint-Saëns das Bett neben sich leer. Sie glaubt an einen Unfall, doch die Suche bleibt erfolglos. Wenige Tage später teilt Saint-Saëns seiner Frau brieflich mit, er werde nicht wiederkommen. Eine Scheidung wird nie vollzogen.

Unglaublich produktiv
Neben all diesen Katastrophen und in allen Auseinandersetzungen, die Saint-Saëns auslöst (und die ihn wenig beeindrucken), entfaltet dieser Mensch eine unglaubliche Kreativität. Er ist ja nicht nur ein unerhört produktiver Komponist, sondern auch ein berühmter Pianist und Organist. Er schreibt Gedichte und Theaterstücke, entfacht mit seinen Zeitungsartikeln heftige Debatten. Seine vielen Briefe zieren Zeichnungen und Karikaturen, Philosophie und Naturwissenschaften beschäftigen ihn ebenso heftig wie die Geheimnisse der Musik. In seiner ersten Wohnung lässt er sich ein Teleskop einbauen.

Camille Saint-Saëns ist, mit anderen Worten, ein absolut erstaunlicher Mensch, dem vieles mit geradezu schlafwandlerischer Sicherheit von der Hand geht – und zwar auch und gerade in den schwierigen Zeiten. In nur acht Tagen zum Beispiel entsteht 1878 in einem Berner Hotel das «Requiem». Zehn Jahre später zieht er sich nach einer von Tumulten begleiteten Tournée durch Deutschland in ein österreichisches Dorf zurück und komponiert sein wohl berühmtestes Werk, das Kinderseelen noch heute entzückt: «Le Carnaval des animaux». Schon bei den ersten Aufführungen ist dieses Kabinettstück musikalischen Humors derart erfolgreich, dass sein Schöpfer jede weitere untersagt – bis zu seinem Tod. Er will nicht, dass neben dem «Karneval der Tiere» alles andere verblasst.

Der Solitär
In der Tat ist da manches, was der Beachtung wert ist. Unter den dreizehn Opern sicherlich «Samson et Dalila», zwei der fünf Klavierkonzerte, ein Cello- und ein Violinkonzert, und unter den Sinfonien die Orgelsinfonie, die auch in St. Gallen erklingen wird. Mit all dem hat Saint-Saëns es nicht leicht gehabt: Im Frankreich des 19. Jahrhunderts zählt allein die Oper, Saint-Saëns aber beginnt seine Karriere mit Orchesterwerken und Kammermusik. Schlimmer noch: Seine wichtigste Bezugsperson ist Richard Wagner, der aber lässt sich einer Nation kaum vermitteln, die zu den Deutschen in Todfeindschaft steht. Später wird Saint-Saëns sich dann auch von Wagner absetzen – und umgekehrt die deutsche Öffentlichkeit gegen sich aufbringen.

Er bleibt ein Solitär, angefeindet von den Jungen, je älter er wird. Die Entwicklung hat ihn überholt, der Revolutionär von einst ist zum Reaktionär geworden. Rastlos reist Saint-Saëns, rastlos komponiert er, rastlos konzertiert er. Seinen 85. Geburtstag feiert er mit einer Konzerttournée, auch kompositorisch scheint ihn neue Kraft zu beflügeln.

Eine letzte Reise
Dann schifft er sich nach Algier ein, wo er seit Jahrzehnten die Winter verbringt. Er schleppt eine Lungenentzündung mit und hat ihr nur wenig Widerstandskraft entgegenzusetzen. Am 16. Dezember 1921 stirbt Camille Saint-Saëns und bekommt im ungeliebten Paris ein Staatsbegräbnis.





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