Tagblatt Online, 10. September 2010 01:03:15
Der Klangmystiker wird 75
KOPF DES TAGES
Arvo Pärt: Der Este gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten klassischer Musik. (Bild: Bild: ky)
Das Zauberwort tönt für sich genommen schon wie Musik. Tintinnabuli, Arvo Pärts Sphäre des reinen Dreiklangs, sein Glöckchen-Stil: Gefunden hat ihn der estnische Komponist auf der Flucht in die freiwillige Armut, wie er in einer seiner seltenen Selbstauskünfte mitteilt. Vorausgegangen war eine lange Pilgerreise durch die musikalische Moderne, auf der er mit Zwölftontechnik, Collage, serieller Musik experimentierte. Die heiligen Männer liessen all ihren Reichtum zurück und gingen in die Einöde.
So möchte auch der Komponist das ganze Arsenal zurücklassen und sich durch die nackte Einstimmigkeit retten.
Ein Satz, der das Bild vom komponierenden Einsiedler, vom mönchisch lebenden und schaffenden Künstler zementiert hat; Pärts mediale Scheu und seine äussere Erscheinung tun ein übriges – Rauschebart und Denkerstirn, eine biblische Figur, die sich im Jahrtausend verirrt hat, so treffend porträtierte ihn «Das Magazin» des «Tages-Anzeigers» im vergangenen Jahr anlässlich von Aufnahmen zu seinem Chorwerk «In Principio».
So klingt auch seine Musik, und doch spricht sie heutige Hörer unmittelbar an – sie will nicht verstanden und analysiert, fachmännisch kommentiert und beschrieben werden, sondern gehört.
Seine Kritiker sehen in ihm einen Scharlatan, unterstellen ihm Banalität und bloss zeitgeistige Spiritualität. Gleichwohl: Kein anderer lebender Komponist wird gegenwärtig so häufig gespielt wie Arvo Pärt, der morgen seinen 75. Geburtstag feiert.
In der damaligen Sowjetrepublik Estland galt er wechselweise als dekadent oder als religiöser Schwärmer – beides war nicht opportun; 1980 emigrierte Pärt nach Wien, seit 1981 lebt er in Berlin.
Manfred Eicher, Chef des Münchner Schallplatten-Labels ECM, machte ihn zum Star. Es gibt Arvo-Pärt-Blogs im Internet, die CD-Aufnahmen von «Silouans Song», «Tabula rasa», «Für Alina» oder «Fratres» sind Longseller.
Pärts Musik untermalt Filme, passt ins klassische Abo-Konzert, eignet sich für Gedenkfeiern – etwa «Da Pacem Domine», komponiert nach den Bombenanschlägen von Madrid 2004.
Archaisch karg und zugleich «schön» ist sie, wohlklingend, von mystischem Licht durchflutet. Auf den ersten Blick simpel, kinderleicht, tatsächlich jedoch hochkompliziert, kommt es doch auf jeden Ton an – und darüber hinaus auf das Ungreifbare zwischen den Tönen, das sich nicht notieren lässt.
Ihr Geheimnis liegt im Klang. «Ein Strich auf der Geige, der nicht in einem Zug gespielt wird, kann schon eine Katastrophe sein», sagt Pärts Frau Nora, die oft für den schweigsamen Meister spricht. Er selbst würde es positiv formulieren. «Ich habe entdeckt, dass es genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird.»
Ergriffenheit ist dazu nötig, beim Hörer wie bei den Interpreten. Pärts «Magnificat», um ein Beispiel aus dem Programm des St.
Galler Dom-Konzerts in der kommenden Woche zu nehmen, ohne die Ahnung von jenem Geist, der darin in ruhiger Versenkung besungen wird, bleibt so leer wie die wenigen Noten auf dem Blatt Papier. (bk.)
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