Tagblatt Online, 06. September 2010 01:04:48
Chic am Herd
Ob in der Küche oder im Büro: «Mad Men» zeigt perfekt gestylte Gestalten wie Chefsekretärin Joan Holloway (links) und Werber Don Draper.
«Mad Men» Trinken im Büro, Sex mit der Sekretärin, Abendessen mit der Ehefrau. Politisch korrekt ist «Mad Men» nicht. Doch man kann sich an der 1960er-Jahre-Serie kaum satt sehen.
Roger Berhalter
Auf dem Sitzungszimmer steht ein Aschenbecher, Rauch vernebelt das Büro. Sogar der Frauenarzt zündet sich zum Untersuch eine Zigarette an. Die Männer trinken schon am Mittag Martini, zum Nachtisch vernaschen sie die Sekretärin, und nach der Arbeit fahren sie nach Hause, wo die Ehefrau schon demütig und frisch frisiert mit dem Essen wartet.
Dreimal hintereinander Emmys
Nein, politisch korrekt ist «Mad Men» nicht. Emanzipierte Frauen werden sich über die amerikanische Serie nur aufregen. Und Männer müssen schon Machos sein, um diese Welt der frühen 1960er in Ordnung zu finden. Trotzdem ist die Serie um eine New Yorker Werbeagentur in den USA ein grosser Erfolg und hat bei den Emmy-Awards in Los Angeles zum drittenmal in Folge Preise gewonnen. Nicht zuletzt deshalb, weil die Welt der «Mad Men» einfach zu gut aussieht, um wegzuschauen.
Fast so cool wie Bond
Schon der Hauptdarsteller, der 38jährige Jon Hamm, erinnert ein bisschen an James Bond. Sein Seitenscheitel ist mit Pomade gebändigt, der Anzug schmal geschnitten, die Zigarette hängt cool im Mundwinkel. Mit seiner Rolle als Don Draper, einem erfolgreichen Angestellten einer New Yorker Werbeagentur, hat sich der vorher unbekannte Darsteller direkt in die internationalen «Sexiest Man Alive»-Listen gespielt.
Hüfthalter und Bleistiftröcke
Auch die Frauen in der Welt der «Mad Men» können sich sehen lassen. Allen voran Christina Hendricks alias Chefsekretärin Joan Holloway. Sie peppt ihre Kurven gerne mit Hüfthaltern und Spitztüten-BHs auf und betont sie mit enganliegenden Kleidern. Mit knallbunten Kostümen bringen Holloway und ihre Gehilfinnen Farbe in den Büroalltag.
Sie tragen Bleistiftröcke, Rüschenblusen und Grace-Kelly-Taschen – aber sicher nie Trainerhosen, nicht einmal zu Hause. Selbstverständlich sitzt auch die Frisur stets perfekt.
Um diesen «Mad Men Style» ist in den USA ein Hype entstanden. Wer unter dem Stichwort googelt, wird 2,1 Millionen Mal fündig. Janie Bryant, die Kostümdesignerin, ist inzwischen so bekannt wie die Hauptdarsteller.
Seit der Erstausstrahlung 2007 hat sie ein Buch veröffentlicht, eine Modekollektion entworfen, und bald bringt sie ihre eigene Nagellack-Serie in die Läden, die sich an den Stoffen der Kostüme orientiert.
Für jede «Mad Men»-Folge hantiert Bryant mit 200 Kleidern und Accessoires, die sie in Trödlerläden findet oder nähen lässt. Mit ihrer Auswahl hat sie viele Designer beeinflusst. Angeblich soll es sogar bei Prada heute heissen: «Bitte mehr wie <Mad Men>!», wenn ein Entwurf noch nicht gefällt.
Auch Frauen machen Karriere
Hinter der schön geschneiderten Oberfläche zeigt «Mad Men» aber auch eine Zeit im Umbruch. Zwar haben die Männer noch das Sagen, doch erste Karrierefrauen stöckeln durch die Büros.
Zwar muss sich die Frau noch eine Predigt anhören, wenn sie sich über die Pille informiert, aber das Verhütungsmittel ist erhältlich. Die Emanzipation erwacht – und bald wird es wohl kein Sekretärinnen-Dessert mehr geben.
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