Tagblatt Online, 21. Januar 2009 01:00:46
«Wir haben nur die eine Vernunft»
Dreharbeiten in Burkina Faso: «Die Baumwolle ist weg, das Geld von der Baumwolle ist weg», sagt ein Agronom. «Zurück bleibt dieser Boden, auf dem nichts mehr wächst.»
Der österreichische Regisseur Erwin Wagenhofer («We Feed The World») über seinen heute in der Schweiz anlaufenden Film «Let's Make Money», der wie gemacht scheint als Kinostück zur Finanzkrise. Ausgangspunkt von Wagenhofers Film sind die Fragen: Was macht die Bank mit unserem Geld? Und was hat das mit uns zu tun? Geri Krebs
Die internationale Finanzkrise ist in aller Munde, Sie selber haben das Glück gehabt, Ihren Film fertiggestellt zu haben, als man nicht ahnen konnte, wie aktuell das Thema noch werden würde. Dennoch: Warum sollen sich die Leute Ihren Film anschauen?
Erwin Wagenhofer: Ich antworte mit einem Satz von Jean-Luc Godard: «Das Wichtige im Kino sind nicht die Filme, sondern die Leute, die sie anschauen.» Und zumindest in Österreich gibt es offensichtlich ein Bedürfnis nach einem Film wie «Let's Make Money». Im Gegensatz zu Deutschland, wo eine gewisse Sättigung herrscht beim Thema Finanzmärkte, ist mein Film in Österreich sehr gut angelaufen. Klar hat das damit zu tun, dass ich mir hier eine Klientel aufgebaut habe durch «We Feed the World». Aber viel mehr spielt wohl der Umstand mit, dass die Finanzkrise in Österreich von den Medien weitgehend schöngeredet und den Menschen eine heile Welt vorgegaukelt wurde. Und da scheint dann halt bei vielen Leuten ein Bedürfnis nach Information da zu sein.
Welches Publikum schaut sich denn den Film an?
Wagenhofer: Es gibt jene Leute, die ohnehin auf das Thema sensibilisiert sind, oder die eine Erwartungshaltung an mich haben, weil sie «We Feed the World» gesehen haben. Aber dann es gibt die, von denen ich behaupte, dass sie sonst nie ins Kino gehen würden. So ist mir etwa aufgefallen, dass nicht wenige Frauen im Alter von über sechzig, ausgesprochen teuer gekleidet, aus dem Kino kommen – Frauen, die offensichtlich Angst haben um ihr angelegtes Geld. Die Medien in Österreich erklären die Krise ja nicht, und so gibt es Leute, die sich in dieser Hinsicht etwas von meinem Film erhoffen.
Sie scheinen auf die Kraft von Aufklärung und Argumenten zu vertrauen. In der Schweiz strömen die Leute aber gegenwärtig für einen Dokfilm namens «Schönheiten des Alpsteins» in die Kinos, der eins zu eins eine heile Welt vermittelt, und der erfolgreichste Schweizer Film 2008, «Bergauf, bergab», feiert die idyllische Welt der Bauern. Die Leute wollen offenbar Postkartenansichten von ihrem Land, wenn sie ins Kino gehen.
Wagenhofer: Nun, je schlechter die Zeiten, umso besser für das Kino. Die Frage ist nur: Was für ein Kino? Meine Filme erzählen von unserer Welt, doch die ist nicht heil. Warum gerade in der Schweiz so ein Bedürfnis nach Verklärung des Landlebens im Kino da zu sein scheint, weiss ich auch nicht. Bezüglich Österreich kann ich nur sagen, dass es hier vor allem die Politiker sind, die auf heile Welt machen. So hat in diesen Tagen ein Landeshauptmann gesagt: «Nur weil in Amerika ein paar Lausbuben etwas gemacht haben, lassen wir uns hier doch nichts verpfuschen.» Was dieser Herr nicht wahrhaben will, ist der Umstand, dass in Wirklichkeit wir alle gezockt haben, nicht nur «die dort drüben». Das Ganze ist ein Systemfehler.
Und wo liegt der?
Wagenhofer: Er liegt in dieser ganz speziellen Ausprägung des Kapitalismus, der eigentlich von sich selber und von jeglicher Markttheorie wegführt. Denn wenn es nach dieser Markttheorie ginge, wären diese Global Player jetzt weg. Dann wäre etwa die UBS ein Ladenhüter, den man logischerweise aus dem Schaufenster nehmen und zwingen würde, die Scheisse auszulöffeln, die er gebaut hat. Aber stattdessen gibt es diese Gratis-Risikoversicherung, die letztlich wir alle sind.
Im Schweizer Parlament tönte es in der Debatte über Bedingungen für die 70 Milliarden an die UBS von einem Herrn der SVP so: Das ist nie gut, wenn der Staat zu sehr in die freie Marktwirtschaft eingreift.
Wagenhofer: Diesem Herrn kann man nur sagen: Der Killer heisst Wachstumskiller, der killt uns letztlich alle. Dieses Wachstum meint ausschliesslich materielles Wachstum, denn würde es auch nur im geringsten Mass geistiges Wachstum meinen, verschwände dieser von Ihnen zitierte Herr im Handumdrehen.
Sie appellieren stark an die Vernunft des Menschen. Warum?
Wagenhofer: Mehr als diese Vernunft haben wir nicht. Und diese Vernunft wäre eigentlich etwas Vereinigendes. Aber der Neoliberalismus hat uns getrennt, er hat uns eingeredet, dass jeder für sich schauen muss. Und in einer solchen Gesellschaft ist es leicht, mit Angst zu operieren. Wir leben in einer Angst-Gesellschaft: Wenn du das und das nicht machst, wirst du arbeitslos.
Und deshalb müssen wir jetzt die Autoindustrie schützen?
Wagenhofer: Genau, zum Beispiel. Kein Mensch redet mehr vom Klimawandel, sondern jetzt muss man die Autoindustrie schützen, obwohl man genau weiss, dass sie die Hauptschuldige am Klimawandel ist. Dabei hat man vor einem Jahr noch Al Gore für sein Engagement für eine nachhaltige Entwicklung ausgezeichnet – das ist doch einfach ein Irrsinn. Dagegen kämpfe ich an.
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