Tagblatt Online, 26. November 2009 07:49:00
Altmeister des Rocksteady
Gladstone Anderson und Stranger Cole treffen sich nach 40 Jahren endlich wieder im Musikstudio.
Der Film «Rocksteady» ist eine farbenfrohe und clever gemachte Liebeserklärung an einen traditionellen Musikstil Jamaikas. Und er holt die grossen Stars aus Jamaika noch einmal ans Mikrophon.
Miky Merz
Wäre es nur ein Musikvideo, es wäre so einfach:
Die Kamera fängt Sonne, Sand und Reggae ein. Aufnahmen des legendären Tuff Gong Studios (mitgegründet von Bob Marley), ein paar Bilder von Kingston, dazu rot-gelb-grüne Graffiti, und die Hitze der Stadt, die sich über jungen Hip-Hop- Sprösslingen aufwallt.
Legenden versammelt
Doch «Rocksteady – The Roots Of Reggae», ein Musikdokumentarfilm aus Schweizer und kanadischer Hand, will mehr.
Der Film wird geprägt von Zeitzeugen, ausgewanderten Musikstars, die über ihren Sound Rocksteady – vor mehr als 40 Jahren entwickelt – referieren. Dem Zürcher Regisseur Stascha Bader, auf Filmporträts spezialisiert, gelingt es, zwei Dutzend Musiker und Musikerinnen für seinen 95minütigen Film zu versammeln, ohne sich MTV-Stereotypen zu bedienen.
Stranger Cole und die I-Threes
«People get ready, time to rocksteady», singt zu Beginn der charismatische Wilburn Theodore Cole mit seiner Band im Aufnahmestudio in einem Aussenquartier der jamaikanischen Hauptstadt Kingston. Der 1945 geborene und besser unter seinem Künstlernamen «Stranger Cole» bekannte Sänger fungiert als musikalischer Leiter eines Projektes, das ein gutes Dutzend Musiker zusammenbringt, die sich teilweise seit mehr als vierzig Jahren nicht mehr gesehen haben.
Man sieht bescheidene, ältere Musiker, die gerne Witze machen und sich auch mal uneinig sind, wie es war – damals. Die I-Threes, mitunter Bob Marleys Sängerinnen, sprechen über Widerstände, über Solidarität, über Liebe und Projekte, damals, als die jamaikanische Bevölkerung ihre unabhängige Identität suchte. Dafür interpretieren sie nochmals ihre Originale im Tuff Gong Studio bei 35 Grad Hitze.
Die melodische Reggae-Urform
Als Stascha Bader seine Recherchen für den Film «Rocksteady» in die Wege leitete, wurde ihm klar: «Wenn Musik die Universalsprache ist, ist Reggae der am weitesten verbreitete Dialekt.» Bader schrieb seine Lizenziatsarbeit über Reggae-Poeten, die ihr Wissen und Können mündlich überliefern. Rocksteady ist jedoch eine Ausdrucksform, an den amerikanischen Rhythm & Blues angelehnt, die Anfang der 1960er ganz Kingston melodisierte.
Laut Arrangeuren wie Bob Marley prägte Calypso den Reggae. Allerdings gab es dazwischen einen schnellen Beat, Ska betitelt. Ska war quasi die rhythmisierte Fanfare auf die Unabhängigkeit Jamaikas von der kolonialen Übermacht Englands. Heiss und aufgewiegelt ging es zu und her auf den Strassen von Kingston, entsprechend klang es aus den Transistoren.
Enorme Hitze, langsame Beats
Einer Legende zufolge hat dann jedoch eine extreme Hitzewelle ab 1966 den Beat verlangsamt – der Rocksteady war geboren. Tiefsinnige Texte, langsamere Rhythmen von Acts namens The Pioneers, The Heptones, The Uniques oder The Techniques summten plötzlich aus ärmeren Hütten Kingstons.
Stascha Bader widerspiegelt mit seiner Doku einige dieser bedächtigen Melodien.
Vitale Sängerinnen wie Dawn Penn («You Don't Love Me – No, No, No») oder Ken Boothe («Shanty Town 007») sorgen für melodische Effekte im neuen Film über sogenannte Altstars. Ihre Musik klingt frischer denn je. Bader: «Die noch lebenden Rocksteady-Stars verleihen auch 2009 Hühnerhaut.»
Grossartige Bilder
Die Bildsprache des Films kontextualisiert die Rocksteady-Hits mit sepiafarbenem Archivmaterial sowie mit weitwinkligen Strassenaufnahmen.
Phantastische Begegnungen ergeben sich unter anderem mit Bandleadern, die sich in Theaterruinen unterhalten, mit Pionieren wie U-Roy, der in einem stillgelegten Bahnhof drauflosrappt. Die schweizerisch-kanadische Co-Produktion überzeugt durch aufwendige Recherche, durch hochstehende Ton- und Bildaufnahmen, speziell durch die rechtzeitige Anerkennung von wahren karibischen Stars. Fazit: eine musikalische Doku mit Grossformat.
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