Tagblatt Online, 29. November 2008 01:00:45
Holodomor? Nie gehört!
Ist es denkbar, dass im 20. Jahrhundert in einem Teil Europas Millionen von Menschen ermordet und in den Tod getrieben wurden, und kaum jemand weiss etwas darüber? Beschämt müssen wir, müssen gerade die Medien eingestehen: So war es, und so ist es. Der Hungermord Stalins an vier bis sieben Millionen Ukrainern vor 75 Jahren war damals kein Thema in der Weltpresse. Er wurde nicht nur von Sympathisanten des Kommunismus, sondern auch von Zeitungen wie der «New York Times» verharmlost.
Heute ist es nicht besser: In der NZZ erschienen dieses Jahr ganze 4 Texte zum Thema (in anderen Medien gar nichts), hingegen 1499 zum Thema Holocaust. Google zählt 277 000 Treffer für Holodomor, aber 21,8 Millionen für Holocaust. Die Weltöffentlichkeit nimmt von einer Menschheitskatastrophe allergrössten Ausmasses nach wie vor nicht Kenntnis. Und jene, welche die Öffentlichkeit zu informieren hätten, sind selbst weder informiert noch interessiert: die Journalisten.
Fragt man sich, warum dem so sei, so kommt man zu einigen unangenehmen Einsichten. Der Diktator Josef Stalin erfährt ja bis heute viel weniger Verurteilung und Abscheu als Adolf Hitler, obwohl beide unsägliches, millionenfaches Leid über Europa brachten. Wer sich von Hitlers Nazi-Irrsinn nicht sogleich distanziert, wird bis heute geächtet und kann dafür verurteilt werden – wer Stalin und seine Nachfahren «differenziert» beurteilt und den Kommunismus eine im Grunde gar nicht so schlechte Idee findet, die nur schlecht umgesetzt wurde, muss um seinen Ruf als fortschrittlicher Intellektueller nicht bangen.
Das gilt auch für viele «Antifaschisten», deren Nähe zum stalinistischen Kommunismus zu kritisieren bis heute als unfein gilt. Lieber schmäht man heute wieder den Liberalismus und schielt auf staatssozialistische Modelle, ohne deren dunkle Vergangenheit aufzuarbeiten. Dafür ist anscheinend immer gerade der falsche Zeitpunkt. Gottlieb F. Höpli
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