Tagblatt Online, 26. Januar 2009 01:00:47
Einäugige Kirchenpolitik
Die Aussöhnung mit den Traditionalisten könnte auch St. Gallen in Verlegenheit bringen – dennoch gibt es gute Gründe für einen Ausgleich
Ein Ausgleich mit Folgen. Die Wiederaufnahme der traditionalistischen Priesterbruderschaft St. Pius X. und ihrer Anhänger könnte auch St. Gallen Hausaufgaben bescheren.
Welchen Status wird die Oberrieter Niederlassung der Priesterbruderschaft erhalten? Wird sie unter dem Namen «römisch-katholisch» weiterhin einen Sonderzug fahren, oder soll auch auf Gemeindeebene ein Ausgleich angestrebt werden? Hat die bisherige Splittergruppe nun auch Anspruch auf Kirchensteuer-Gelder?
Pius-X.-Priester in Pfarreien?
Und was geschieht, wenn eine der vielen priesterlosen Pfarreien sich mit einem Pfarrer aus der Traditionalistenbewegung bedienen möchte?
Bei alldem geht es nicht nur um organisatorische Fragen, sondern um theologische Haltungen. Dies wird eine Gemeinde spätestens dann spüren, wenn ein Priester aus der Bruderschaft auf der Kanzel oder im Religionsunterricht sein Welt- und Kirchenbild entfaltet. Dann wird sich rasch zeigen, dass es der Bewegung nicht nur darum geht, die Messe auf Latein zu feiern und einen etwas traditionelleren Kirchenstil zu pflegen. Vertreter der Bruderschaft, wie der Leiter des Priorats Oberriet, erklären seit je, dass es nicht nur um die Sprache, sondern um den Gehalt der Liturgie gehe.
Lefebvres Opposition
Tatsächlich hat sich der Gründer Traditionalistenbewegung, Erzbischof Marcel Lefebvre, nicht nur wegen der Liturgiereform auf Oppositionskurs zum Zweiten Vatikanischen Konzil begeben. Er lehnte auch weitere Kernaussagen des Konzils ab. Namentlich auch die bahnbrechenden Aussagen zur Ökumene, zur Religionsfreiheit und zum Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen.
Kein Wunder, dass ein Holocaustleugner in Lefebvres Bewegung nicht nur Unterschlupf finden, sondern zu höchsten Ehren aufsteigen konnte.
Ablehnung der Aufklärung
Der Kern des Problems liegt darin, dass noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts in der katholischen Welt ein folgenschwerer Antimodernismus tonangebend war. Die Errungenschaften der Aufklärung – Freiheit, Demokratie, Menschenrechte – wurden skeptisch wahrgenommen oder offen abgelehnt. Die Katholiken sahen sich als Sondergesellschaft, die geistig noch immer in einer absolutistischen Welt lebte; wie denn auch die hierarchisch verfasste Kirche eine der letzten Organisationen ist, die keine Gewaltenteilung kennt.
Hier wollte das Konzil eine kopernikanische Wende herbeiführen. Es sah die Kirche nicht mehr abgehoben von, sondern mitten in der Welt. Die Kirche bezieht ihre Daseinsberechtigung gerade aus dem Dienst an der Welt: «Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.» Damit wird die Welt so bejaht wie sie ist, ein Ja, das auch die Errungenschaften der Aufklärung mit einbezieht.
Genau dies aber lehnte Lefebvre entschieden ab. Und nicht nur er allein. Auch der heutige Papst hat sich in seiner frühern Funktion als Leiter der Glaubenskongregation immer wieder skeptisch zur Aufklärung geäussert. In der Mühe mit der Aufklärung treffen sich Traditionalisten und der Papst.
Auch Küng für Ausgleich
Dennoch gibt es gute Gründe, die Priesterbruderschaft und ihre Anhänger zurückzuholen. Dies befürwortet auch der kirchenkritische (und von Rom gemassregelte) Theologe Hans Küng in seinen 2007 erschienenen «Erinnerungen». Schliesslich seien die vatikanischen Schreibtischtäter mit Lefebvre genauso unsensibel umgegangen wie mit ihm.
Klar, dass die neue Offenheit des Vatikans nur dann glaubwürdig ist, wenn sie nicht nur den Traditionalisten, sondern auch den Theologen auf der anderen Seite des Spektrums gilt, den Befreiungstheologen und den mit Lehrverbot belegten Professoren. Sonst bleibt die Kirchenpolitik des Vatikans so einäugig wie bis anhin.
Daran hätten die Schweizer Bischöfe Rom erinnern können. Auch in ihrem Communiqué, in welchem sie am Samstag die Öffnung gegenüber den Traditionalisten eher wohlwollend kommentierten. Josef Osterwalder
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