Tagblatt Online, 06. Juli 2009 01:02:49
Die Trauer tanzt
(Bild: Bilder: ky/Walter Bieri, Christian Brun)
ZÜRICH. Seit Michael Jacksons Tod boomt das Geschäft um den «King of Pop». Die wahren Fans kümmert dies wenig. Sie nahmen am Samstag mit drei Anlässen in Zürich Abschied von ihrem Idol. Mal weinend, mal rückwärts, mal tanzend.
Fabienne Schmuki
Rathausbrücke Zürich, 16 Uhr. Noch ziemlich leer, verbindet der betonierte Platz die beiden Limmatufer. Langsam treffen die Fans zur Michael-Jackson-Trauerfeier ein. Mit ihnen steigt die Zahl weisser Socken, die ungeniert zu schwarzen Hosen getragen werden.
Auf nichts mehr Lust
Über die Backen einiger junger Frauen kullern Tränen. Es gibt keine Musik, nur leise Stimmen, dann und wann ein Schluchzen. Es ist heiss, das Wetter ist drückend, die Stimmung bedrückt. Junge Frauen füllen Ballone mit Helium.
Karten machen die Runde, darauf ist immer wieder Michael Jackson zu sehen: Jacko als Legende, Jacko, wie er ein Baby auf die Wange küsst, Jacko als Engel. Die rund hundert Fans bilden mit Kerzen, Blumen und Fotos einen kleinen Altar. Auf den Abbildungen ist er mal weiss, mal schwarz. Aber vielleicht spielt das gar keine Rolle, denn «It don't matter if you're black or white».
Brigitte, 35, und Nadine, 27, sind seit einem halben Leben Jacko-Fans. Beide stecken in einem übergrossen Shirt, darauf derselbe Mann, singend, tanzend. «Er hat uns durchs Leben begleitet», meinen sie traurig. Sarah, 25, ist nach Michaels Tod in ein Loch gefallen und hat seither «auf nichts mehr Lust». Morena, 33, hat hingegen seit dem Tod ihres Idols keine Angst mehr, abends allein in den Keller hinunterzusteigen. Michael sei jetzt bei ihr.
Hoch soll er leben!
Von irgendwoher ertönt leise ein Jacko-Song aus einem Handy. «Er hätte nicht gewollt, dass die Leute um ihn weinen», sagt jemand. «Seine Botschaft wurde von vielen nicht verstanden», sagt Kim Moses, 60, nachdenklich. Dann wird geschwiegen, vielleicht gebetet, vielleicht geweint. Wenig später färben etwa 150 Ballone den Himmel schwarz und weiss – die Farben des «King of Pop».
18 Uhr, Bahnhofshalle Hauptbahnhof Zürich. Der Mitinitiator der Facebook-Gruppe «Moonwalk durch Zürich für Michael Jackson», Ronny Schlauri, erklärt: «Wer den Tanz nicht beherrscht, soll einfach rückwärts gehen.» Auf dem Weg zur Pestalozziwiese schliessen sich ein paar Fussgänger spontan an. Gut hundert Personen gehen jetzt zusammen, Fersen voraus; aus zwei kleinen Ghettoblastern ertönen Jackos grösste Hits. Man ist fröhlich, ausgelassen, die Musik steht im Zentrum.
Ganz vorne walkt eine Frau, um die 50, und hält einen grossen Handschuh mit der Aufschrift «Michael Jackson – King of Pop» in die Höhe. So wird ein König gefeiert.
Es gibt ein Leben danach
20 Uhr, Club La Marquee. Schwitzend Körper auf engem Raum. Vorne gibt Michael Jackson eines seiner besten Konzerte: Aufnahmen aus Tokyo, 1987. Die Stimmung im kleinen Club ist ausgezeichnet. Zwischen den Songs wird applaudiert, gepfiffen. «Michael, I love you!» tönt es dann und wann aus einer Ecke.
Die Stimmen gehören Männern, Frauen, jung und alt. Bald werden sie zu «I Just Can't Stop Loving You» Wunderkerzen und Feuerzeuge in die Clubdunkelheit halten. Kurz darauf dann das Highlight: Junge Tänzer zeigen, was sie von ihrem Idol gelernt haben. Oliver beispielsweise, 15, imitiert den Tanz seines Idols seit zehn Jahren. Olivers Bewegungen unterscheiden sich kaum vom Original. «Mit seinem Tanz und seiner Musik wird er weiterleben», ist sich Oliver sicher. Hier jedenfalls im kleinen Club an der Weinbergstrasse ist Jackos Botschaft zweifelsfrei angekommen.
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