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Tagblatt Online, 08. September 2010 11:02:00

«Wie lebendig konserviert»

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In ihrem Buch lässt Natascha Kampusch Fragen offen. (Bild: Archivbild: ky)

Natascha Kampusch hat ein Buch über ihre Entführung geschrieben. Viel Neues erfährt der Leser darin nicht. Zur Präsentation von heute abend kommt auch die Polizei.

RUDOLF GRUBER

WIEN. Die Wiener Filiale einer deutschen Buchkette erwartet heute abend einen Ansturm: Natascha Kampusch wird aus ihrem Buch «3096 Tage» lesen – unter Polizeischutz. Eine Sprecherin des List-Verlags bezifferte die Erstauflage mit 50 000 Exemplaren; für österreichische Verhältnisse sei das «sehr, sehr hoch». Das 284 Seiten dicke Buch ist in elf Ländern erhältlich – auch in der Schweiz.

1998 ist Natascha Kampusch als Zehnjährige auf dem Schulweg entführt worden. Der Kidnapper sperrte sie achteinhalb Jahre in seiner Wohnung in Strasshof bei Wien ein und hielt sie wie eine Sklavin. Vor vier Jahren gelang Kampusch im Alter von 18 Jahren die Selbstbefreiung, weil der Entführer unachtsam war. Er warf sich daraufhin auf der Flucht vor der Polizei vor den Zug.

«Ich war Bibiana»

Kampusch hat sich die Beschreibung ihrer Lebensgeschichte im Alleingang nicht zugetraut; zwei Journalistinnen haben ihr dabei geholfen. Den Vorabdruck überliess sie dem deutschen Massenblatt «Bild», auch in Österreich gewährte sie Interviews zum Buch nur Boulevardblättern. Die dahinter vermutete Geschäftstüchtigkeit steht im Widerspruch zu Kampuschs ständiger Kritik an der «Sensationspresse». Dieser wirft sie immer wieder vor, Indiskretionen über sie zu verbreiten.

Auch die Details, die sie in ihrem Buch erzählt, bedienen den Boulevard und dessen Publikum. So beschreibt sie in «3096 Tage» beispielsweise, wie sie als Kind von ihren Eltern misshandelt und gedemütigt wurde. Auch thematisiert sie ihre Ängste im Kellerverlies ihres Entführers («Ich fühlte mich lebendig konserviert wie in einem unterirdischen Tresor») und gibt preis, dass er ihr einen anderen Namen aufgezwungen hatte («Im Keller war ich Bibiana»), um ihre ursprüngliche Identität auszulöschen.

Ihr Kidnapper habe sie geschlagen, ihr den Kopf geschoren, Brandwunden zugefügt, manchmal ein Messer nach ihr geworfen und sich über ihre erste Menstruation aufgeregt, weil diese Flecken auf der Matratze hinterlassen könnte, schreibt Natascha Kampusch.

Berührendes und Komisches

Berührend sind nur jene Stellen, an denen sie von ihrer altklugen Sprache abrückt.

Mit einfachen Worten schildert Kampusch das Gefühl der Aussichtslosigkeit in dem Keller, das in ihr Selbstmordgedanken habe aufkommen lassen: «Ich habe geglaubt, dass ich dort auf immer und ewig eingesperrt sein werde.»

Umwerfend komisch hingegen ist die Episode, die sich unmittelbar nach der Selbstbefreiung zugetragen hatte.

Als Kampusch über ein Nachbargrundstück lief, rief die Besitzerin, die von den ersten Sekunden in Freiheit nichts ahnen konnte: «Treten Sie nicht auf meinen Rasen!»

Fragen bleiben

Offene Fragen klärt das Buch kaum. So geht Kampusch auf die Gerüchte, ihr Peiniger habe sie sexuell missbraucht oder sie sei gar «freiwillig» ein Verhältnis mit ihm eingegangen, nicht ein. Dafür kritisiert sie die Ermittlungspannen und deren politische Vertuschung.

Sie ist der Meinung, ihr wäre das Martyrium womöglich erspart geblieben, wenn die Polizei eine Spur zum Täter nicht verschlampt hätte. Warum Kampusch die angekündigte Schadenersatzklage gegen die Republik aber noch nicht eingebracht hat, erfährt man nicht.





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