St.Galler Tagblatt Online, 10. Juli 2012 10:21:16
Wie erkennt man das Potenzial eines Weines?
Woran erkennt man das Potenzial eines Weissweins? (Bild: Imago)
Peter Keller
Frage
Stephan Schoenberger aus Zürich hatte vor Jahren einen Meursault aus dem Burgund erworben. Ihm sei versichert worden, dass der Weisswein viel Potenzial haben würde. Leider habe sich diese Hoffnung nicht erfüllt. Gibt es sichere Merkmale, aufgrund welcher man auf die Lagerungsfähigkeit eines Weines schliessen kann? Existieren Unterschiede zwischen Weiss- und Rotweinen? Stephan Schoenberger erhält für diese Frage einen weissen Sommerwein aus Griechenland. Der Assyrtiko by Gaia Wild Ferment 2011 des Produzenten Gaia Wines wird aus der einheimischen Rebsorte mit dem gleichen Namen produziert. Er zeigt sich mit mineralischen und leichten Honignoten im Bouquet, ist im Gaumen frisch und voll. Passt zum Apéro und zu Meeresfrüchten sowie Fisch. Die Weinhandlung Kantos in Rümlang, welche diesen Wein zur Verfügung stellt, gibt als Geheimtipp gar einen Lammgigot aus dem Ofen an.
Antwort
Merkmale gibt es sicher, aber keine Garantien, lieber Herr Schoenberger. Aufgrund Ihrer Angaben ist es für mich schwierig, die Qualität des Weines zu beurteilen. Meursault zählt sicher zu den renommiertesten Appellationen im Burgund und bringt (auch) lagerfähige Weissweine mit grossem Potenzial hervor. Allerdings sollte es sich um einen Premier Cru handeln. Die Gemeinde Puligny-Montrachet ist gar dank der Grand-Cru-Lage "Le Montrachet" bekannt. Ein «normaler» Gemeindewein unter dem Namen Meursault oder Puligny-Montrachet wird in der Regel in den ersten fünf bis acht Jahren nach der Lancierung getrunken. Spitzenweine dagegen können problemlos bis 20 Jahre gelagert werden. Sie müssen allerdings von einem sehr guten Jahr und einem anerkannten Produzenten stammen. Das sind sicher entscheidende Merkmale. Der Name «Meursault» allein genügt nicht, um direkt auf die Lagerfähigkeit zu schliessen. Das gilt im übrigen auch für die anderen Ursprungsbezeichnungen nicht nur im Burgund, sondern generell in den verschiedenen Anbauregionen. Unter den Weissen verfügen in der Tat Weine aus Chardonnay über ein gutes Alterungspotenial, ebenso solche aus Riesling. Grösser ist die Auswahl bei den Roten, sofern es sich um gute Qualitäten handelt. In Frage kommen Bordeaux, Burgunder, gewisse Italiener wie Barolo und Barbaresco oder Brunello, Weine aus der Syrah-Traube (Alte und Neue Welt) sowie natürlich kalifornische Cabernet-Sauvignon-Weine. Die Liste ist natürlich unvollständig. Denken Sie aber daran, dass rund 80 bis vielleicht gar 90% aller weltweit produzierten Weine in den ersten zwei, drei Jahren nach der Ernte getrunken werden sollten.
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