Direkte Links und Access Keys:

Tagblatt Online, 15. Juni 2012 06:00:00

Die Zukunft retten

Links: Kreation des brasilianischen Labels Osklen. Rechts: Modisches Herrenhemd von Calla für das belgische Kollektiv Honest By. Zoom

Links: Kreation des brasilianischen Labels Osklen. Rechts: Modisches Herrenhemd von Calla für das belgische Kollektiv Honest By. (Bild: PD)

Mode und Ökologie passen in den seltensten Fällen zusammen – die Branche drückt sich lieber um das immer drängendere Thema. Doch es gibt eine Handvoll neuer Labels, welche den Weg für nachhaltigen Stil weisen.

Winfried Rollmann

In diesen wechselhaften Zeiten ist vielen klar geworden: Weiter wirtschaften und konsumieren wie bisher wird immer problematischer. Das zweite industrielle Zeitalter, das auf Erdöl basiert, neigt sich dem Ende zu. Die Rohstoffe werden knapper, die Natur tut sich immer schwerer, einigermassen im Gleichgewicht zu bleiben – und das Klima schlägt bereits zurück. An guten Gründen, mit dem Konsum neue Wege einzuschlagen, mangelt es nicht. «Save the Future» prangte auf einem T-Shirt der englischen Designerin Katherine Hamnett zum Klimagipfel im Juni dieses Jahres in Rio. Hamnett wurde schon 1984 als Provokateurin bekannt, als sie Margaret Thatcher in der Downing Street Nr. 10 mit dem T-Shirt «58% don't want Pershing» – damals ging es ums Wettrüsten – gegenüberstand.

Brasilien geht voran

In der Nahrungskette wird vom Verbraucher immer selbstverständlicher nachgefragt, wo unsere Ernährung herkommt, was drinsteckt und vor allem, was nicht drin sein darf. Bei der Garderobe ist das noch keinesfalls selbstverständlich. Mode und Design tun sich oft schwer mit langfristigem Denken und Nachhaltigkeit. Mode wird mit den Augen und dem Herzen konsumiert. Und beim Spontankauf sieht man oft weder den Unterschied zu Bio-Cotton noch ob Kinderhände an der Herstellung beteiligt waren.

In Paris fand vor wenigen Wochen die Sustainable Luxury Fair statt. Sie geht von der Prämisse aus, dass es vor allem im Luxussegment ein immer wichtigeres Atout ist, nachhaltig und sozialverträglich zu produzieren. Auf dem Luxury Summit im Februar in Paris apostrophierte der Präsident des Centre du Luxe et de la Création, Jacques Carles: «Luxus-Unternehmen stehen heute in der Pflicht, in Sachen Nachhaltigkeit exemplarisch zu handeln.»

Eine herausragende Position auf dem Salon besetzte das brasilianische Label Osklen. Der Macher Oskar Metsavaht war gleichzeitig Schirmherr der diesjährigen Veranstaltung. Sein Label hat von Anfang an auf den nachhaltigen Ansatz gesetzt. Seit über zehn Jahren geht es stetig aufwärts. Aber am Anfang, als Metsavaht noch allein in seinem kleinen Laden in Rio de Janeiro stand, war es schwer, Hersteller davon zu überzeugen, dass sie Biobaumwolle zu verwenden und für humane Arbeitsverhältnisse zu sorgen hätten.

Belgische Transparenz

Heute ist Osklen ein Paradebeispiel der neuen Denkweise. Zusammen mit Spezialisten des italienischen Umweltministeriums und der Stadt Rio lancierte die Marke die Entwicklung von E-Fabrics. Das sind Materialien, die lokal beschafft, schadstofffrei hergestellt und in Brasilien verarbeitet werden. Organic Silk ist eine gröbere Seide, aus ihrem Stroh werden kunsthandwerkliche Gewebe für Kleidung und Accessoires hergestellt. Davon leben mittlerweile mehr als 2000 brasilianische Familien, die sonst die Favelas bevölkern würden.

Fischleder vom grossen Amazonas-Fisch Pirarucu ist ein weiteres Beispiel der Initiative. Der Fisch wurde seit je verspeist, doch seine Haut war Abfall. Heute wird sie zu einem wertigen Leder für Accessoires und Schuhe verarbeitet und ernährt kleine, nach neusten Umweltstandards arbeitende Leder-Manufakturen. Für dieses Engagement wurde Oskar Metsavaht vom WWF in seiner Studie «Deeper Luxury» zum «Future Maker» ernannt. Für ihn ist eine Zukunft nur vorstellbar, wenn wir es schaffen, auf breiter Front umzusteuern. «Unsere gesamte Konsumgesellschaft ist gerade dabei, sich grundlegend zu verändern», sagt Metsavaht, «wer heute noch die Grundprinzipien nachhaltigen Wirtschaftens ignoriert, wird die Zukunft nicht mitgestalten.»

Die zweite spannende Geschichte schreibt «Honest By . . .» – ein belgisches Design-Kollektiv unter der Federführung von Bruno Pieters. Das Credo des Labels, in moderner Sachlichkeit, ist die totale Transparenz. Es schafft Vertrauen mit der kompletten Offenlegung aller Interna. Jederzeit kann ein Kunde nachvollziehen, wo die Wolle des Pullovers herkommt, welche Spinnerei den Faden, welche Strickerin das Endprodukt hergestellt hat. Dabei werden weder die technischen Daten noch die kalkulierten Preise verschwiegen. Eine mittlere Konsumpreislage macht das Design erschwinglich. Die erstaunliche Offenheit ist Grundprinzip.

Bruno Pieters ist schon zu lange im Geschäft, als dass man ihm Naivität vorwerfen könnte. Er war vorher jahrelang Design-Verantwortlicher für die Linie Hugo von Hugo Boss und hat seine eigenen Kreationen auf den Pariser Catwalks gezeigt. Pieters beugt sich auch nicht mehr dem ständigen Erneuerungszwang der Saisonwechsel. Der Stil ist modern, hat aber eine Unbeschwertheit, die ihn nicht gleich wieder alt aussehen lässt. Das ist für ihn wirklicher Luxus. Entwürfe bleiben dann auch durchaus über mehrere Saisons im Angebot oder solange der Vorrat reicht. Natürlich ist das Internet der erstrangige Vertriebsweg.

Sexy und verantwortungsvoll

Beide Beispiele belegen: Nachhaltigkeit und soziales Bewusstsein vertragen sich bestens mit der modernen Kommunikationsgesellschaft. Allen Unkenrufen der Wirtschaftstraditionalisten zum Trotz, die ökologische Anstrengungen immer noch mit dem Birkenstock-, Müesli- und Aussteiger-Stempel versehen möchten. Sie werden sogar zur Avantgarde der gesellschaftlichen Entwicklung. Im Manifest «Sustainism – is the New Modernism» (NZZ 3. 2. 12) propagieren die Buchautoren Michiel Schwarz und Joost Elffers eine zukünftige Gesellschaft, in der die Modernität der Netsociety mit den Ideen der Umweltbewegung, dem Ethical Movement und dem Ansatz der Nachhaltigkeit verschmilzt.

Noch winken bei Sustainable Fashion viele Konsumenten und Einzelhändler ab – ihr fehle es an Sex-Appeal, dem Treibstoff und Zauber der Mode. Dann haben sie noch nichts von der Marke Noir gehört. Das dänische Label wurde 2005 von Peter Ingwersen gegründet, der sagt: «Wir wollen das erste Label sein, das Sophistication, Sexyness, Nachhaltigkeit und soziale Verantwortlichkeit vereint.» Mit der Kollektion Illuminati löst er das Versprechen ein. Die Dänen produzieren hauptsächlich in Uganda. Dort stellen sie qualitativ hochwertige Biobaumwolle unter Fair-Trade-Bedingungen her.

Auf dem Weg zum Mainstream

Wem jetzt noch der Glamour-Faktor fehlt, der sollte sich an Edun wenden. Die Damenmodelinie wurde 2005 von Ali Hewson und dem Musiker Bono (Frontmann von U2) ins Leben gerufen. Edun setzt auf Stil mit Substanz und arbeitet mit nachhaltig produzierter Baumwolle aus Uganda. Ausserdem unterstützen Hewson und Bono die Initiative «Invisible Children». Edun begeistert nicht nur auf den Laufstegen mit kunsthandwerklichen Inspirationen aus Afrika, sondern gehört zu 49 Prozent zur internationalen Luxus-Gruppe LVMH. Zweck der Partnerschaft ist es, internationale Vertriebskanäle besser zu erschliessen.

Ihren Aussenseiterstatus hat nachhaltig produzierte Mode also überwunden. Wenn jetzt selbst das renommierte Londoner College of Fashion einen eigenen Studiengang für Sustainable Fashion auf den Weg bringt, ist es zum Mainstream nicht mehr weit.




Leser-Kommentare:
keine


Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden.

Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!

Um Inhalte kommentieren zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren!

Anzeige:

tagblatt.ch / leserbilder

facebook.com / tagblatt

 ...