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Tagblatt Online, 05. Juni 2012 09:25:00

Grosser Bahnhof für die Krawattenliga

Vom lästigen Anhängsel zum Accessoire einer neuen Generation

Die Krawatte ist daran, ihre Bedeutung zu verändern. Zoom

Die Krawatte ist daran, ihre Bedeutung zu verändern. (Bild: Imago)

In Interlaken treffen sich in den kommenden Tagen wieder die Krawattenträger zum Swiss Economic Forum (SEF) und versuchen dabei, so vertrauenswürdig wie möglich auszusehen. Dabei ist die Krawatte gerade dabei, ihre Bedeutung zu verändern.

Von Jeroen van Rooijen

Die Krawatte: Sie stand einst fraglos für das Streben nach Erfolg und das Bemühen um Ordnung, sie war für viele ein Zeichen dafür, dass der, der sie trägt, gewillt ist, Leistung zu erbringen und sich von seiner besten Seite zu zeigen. Doch dann kamen die Lehmann Bros. und Konsorten und beschmutzten mit Schindluderei und Vortäuschen von Seriosität das Renommee der Krawatte. Entsprechend spürte man in den letzten zwei bis drei Jahren auch in Kreisen der Schweizer Manager ein gewisses Unbehagen, was die Krawatte angeht. Das einst weltweit gültige Symbol der Wirtschaftswelt stand unter Generalverdacht. Entsprechend viele halb geöffnete Hemdkragen ohne Krawatte sah man in den letzten Jahren an Business-Treffs wie dem SEF.

Inzwischen hat sich der Schlips ein wenig von diesen Tiefschlägen erholt. Noch immer wird Menschen mit einer Krawatte auf breiter Basis Vertrauen entgegengebracht. Ausserdem gibt es auch heute noch formelle oder feierliche Momente wie eine Hochzeit, eine Taufe, eine Beerdigung oder eine öffentliche Ehrbezeugung, die weiterhin die Krawatte erfordern. Auch sollte man ernsthaft das Umlegen eines Schlipses erwägen, wenn man - wie die Referenten in Interlaken - vor Publikum auftreten oder - wie in der Politik - irgendwo als Bittsteller erscheinen muss.

Doch es braucht heute ein gutes Mass an modischer Kompetenz, um mit einer Krawatte nicht nur «dazu zu gehören», sondern zu brillieren. Derjenige, der sich heute dem Schlips nähert, muss wissen, dass er in den letzten Jahren seine Bedeutung verändert hat. Die Krawatte wird vom lästigen Anhängsel einer alten, herrschenden Kaste zu einem Accessoire einer neuen Generation, welche sie anders, und gewiss deutlich modischer trägt. Sie ist also nicht mehr ein Symbol des Sich-Einordnens in ein bestimmtes System, sondern ein Mittel um seine Persönlichkeit zu akzentuieren oder aufzufallen.

Die hierzu benötigte, neue Krawatte ist schmaler, matter und ein bisschen fester - es muss also eben nicht diese glatt glänzende Seide von einst sein, sondern ein etwas substanziellerer Stoff. Man sieht gestrickte Krawatten und solche aus Jersey, Baumwolle oder Rohseide. Schön sind auch leicht bewegte Oberflächen wie Seersucker, ein Naturgewebe mit leichter Kräuselung. Bei den Mustern sollte man möglichst zu klassischen Web-Dessins wie feine Streifen, Mikrokaros, Tupfen oder strukturierten Unis greifen. Die zeitgemässe Krawatte ist noch vier bis sechs Zentimeter breit, statt sechs bis neun wie früher. Sie wird immer dann getragen, wenn man Lust darauf hat, auch ziemlich casual oder bewusst ein bisschen schräg, also zu Chinos oder Shorts, um sie eben nicht so wie früher aussehen zu lassen.




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