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Tagblatt Online, 25. Mai 2012 06:00:00

Blinddate mit zehn

Beim «Private Dinner» ist man zu Gast in einer fremden Wohnung und erhält Überraschendes serviert

Vierter Gang: Zwei Schweizer Käsesorten, ein Dozrette (links), der mit von Hand eingesammelten Rottannennadeln bestreut ist, und ein Cironé aus Belp. Zoom

Vierter Gang: Zwei Schweizer Käsesorten, ein Dozrette (links), der mit von Hand eingesammelten Rottannennadeln bestreut ist, und ein Cironé aus Belp. (Bild: Catherine Pearson)

Was in Argentinien seinen Anfang nahm, ist heute über den ganzen Globus verbreitet: Supper-Clubs und Tavolatas. Köchinnen und Köche laden in ihre Privatwohnung ein, um eine kleine Schar von Gästen mit spannenden Menus zu überraschen.

Katja Baigger

Seien es die literarischen Salons des 19. Jahrhunderts, die illegalen Bars im Zürich der neunziger Jahre oder die wieder angesagten Lesekreise: Das Zelebrieren von einer Mischung aus Privatheit und Öffentlichkeit an einem Ort, der nur Eingeweihten zugänglich ist, hat stets fasziniert. Zu diesen Phänomenen gehören auch die Supper-Clubs, wie sie die Amerikaner nennen – oder Underground-Restaurants, wie die Briten sie bezeichnen. Begonnen hatte es in Argentinien mit den Restaurantes a Puertas Cerradas. Ein Koch oder Hobbykoch probiert neue Speise-Kreationen aus, die er im kleinen Rahmen gegen Bezahlung testen möchte. Hierzu lädt er Freunde und Freunde von Freunden in seine Wohnung ein. Munden seine Menus, spricht sich das private Mini-Restaurant herum. Das Phänomen schwappte vor etwa zehn Jahren nach New York und London über und ist inzwischen im Mainstream angelangt. Websites listen die empfehlenswertesten Supper-Clubs auf, der TV-Sender Vox strahlt gar die Show «Mein wunderbares Wohnlokal» aus, in dem Hobbyköche gegeneinander antreten.

Anarchistischer Charme

Das Private Dinner konnte seinen anarchistischen Charme behalten, obwohl man rund um den Globus, in San Francisco, Tokio, Berlin und Zürich, auf diese besondere Weise diniert. In Zürich sind drei Supper-Clubs bekannt; das «Departamento» der Heimweh-Argentinier Karin Leuthold und Horacio Riesgo in Zürich Höngg, Anna Pearsons «a tavola!» in Aussersihl und die «Tavolata» von Lea Montini in einem Ladenlokal im Kreis 3. Montini gehört auch zum Organisationskomitee für den Zürcher «Restaurant Day», dessen Konzept aus Finnland stammt und der am letzten Samstag hierzulande erstmals stattfand. Auf Strassen wurden Buffets aufgestellt, Wohnungen und Parks verwandelten sich in Restaurants.

Die meisten Betreiber eines Supper-Club sind jung, innovativ und haben zu wenig Geld, um ein eigenes Lokal zu eröffnen. Interessierte tragen sich via Blog für ein gewünschtes Datum ein. Mit etwas Glück gelangen sie unter die Gästeschar der zehn Erlauchten. Diese «Ehre» wurde uns bei besagter Anna Pearson, einer Quereinsteigerin, zuteil.

Bilderstrecke: Supper Clubs

  • Anna Pearson, Köchin und Gründerin von "a tavola!", bekocht Freunde und Vereinsmitglieder bei sich zu Hause.
  • Die Vorbereitungen des Menüs mit fünf Gängen machen Anna Pearson am meisten Spass.
  • Erster Gang: Knollenselleriesuppe mit Rotkohlstrudel.

In Argentinien nahm es seinen Anfang, nun haben sich die Supper Clubs um den ganzen Globus verbreitet. Die Idee: Junge Hobbyköche überraschen in ihren Privatwohnungen fremde Gäste mit spannenden Menus. Auch in der Schweiz erfreuen sich diese Privat Dinners wachsender Beliebtheit.

Als die gelernte Designerin merkte, dass Computerarbeit nichts für sie war, liess sie sich zur Köchin ausbilden. Nach Stationen bei einer Tante im Tessin und dem Zürcher Restaurant Italia plant die 30-Jährige nun ein Gemüsekochbuch. «Mein Kopf ist voller Ideen», erklärt Pearson, die schon als Kind gerne am Herd stand. Vor zwei Jahren realisierte sie, inspiriert durch einen Zeitungsartikel über die Restaurantes a Puertas Cerradas in Buenos Aires, die Idee, einmal monatlich ihre Stube zu einem öffentlichen Esszimmer zu machen und zehn Personen aus dem erweiterten Freundeskreis zu bekochen. Inzwischen nehmen immer mehr Unbekannte an den experimentellen Abenden unter dem Titel «a tavola!» teil. Dazu treten die Gäste einem Verein bei und bezahlen 100 Franken für den 5-Gänger sowie Wein und Kaffee.

Vor dem Blinddate mit zehn unter dem Motto «Ewig diese Wintergemüse» fragten wir uns: Werden wir mit Hipstern aus der Kreativszene am Tisch sitzen? Wie wird es sein, in einer Privatwohnung mit Unbekannten zu speisen? Kaum stehen wir im hübsch eingerichteten Wohnzimmer, verfliegen unsere Bedenken. Hier ist alles aufeinander abgestimmt. Vom Buffet aus den 1950er Jahren über die Serviette bis zur Untertasse hat die Gastgeberin alles in Brockenhäusern ausgewählt. Anna mag Dinge mit Geschichte, Unpersönliches ist ihr zuwider.

Die Gästeschar ist angenehm durchmischt, ein Ehepaar in den Fünfzigern, sie Grafikerin, er Architekt, eine alleinstehende Dame, eine an regionaler Küche interessierte Mittdreissigerin und ein junger Vater, der wieder einmal ausgeht. Dann sind da noch eine mit der Köchin bekannte Jus-Studentin und eine Hebamme mit ihrer Tochter. Hier geht es nicht um den Kick des Halblegalen, sondern um Liebhaberei. Zu den Wintergemüsen Knollensellerie, Rotkabis, Topinambur und Randen suchte Pearson passende Rezepte in ihrer Sammlung und kochte daraus eigene Interpretationen. Die Vorbereitungsphase mache ihr am meisten Spass, sagt sie. Diese ist vorbei, als Pearsons Schwester den ersten Gang auftischt, während wir über die Tätigkeit von Hebammen und das neue Projekt von Peter Zumthor in Braunwald sprechen. Die Knollenselleriesuppe mit Haselnussöl, einem Rotkabisstrudel mit Äpfeln und Ziegenfrischkäse zu kombinieren, ist überraschend. Gut gelaunt erhalten wir die zweite Vorspeise: Ein warmer Topinambursalat (das Gemüse ist trotz exotisch anmutendem Namen sehr schweizerisch, wie uns Anna verrät) mit Speck an Senf-Walnussöl-Vinaigrette auf bitterem Cicorino rosso und verde schmeckt vorzüglich. Anschliessend läuft uns das Wasser ob des angekündigten Saiblingfilets auf geschmorten Randen mit Dill im Munde zusammen, doch wir müssen uns gedulden. Denn lange gelagerter Randen muss auch länger gegart werden. «Diese Lektion habe ich erst an diesem Abend gelernt», erklärt Anna. Das gehört zum privaten Speisen: Nichts ist perfekt.

Sehnsucht nach Grossfamilien

Neuentdeckungen laufen der Hauptspeise daraufhin fast den Rang ab: Zwei Schweizer Käsesorten werden aufgetischt, ein Cironé aus Belp und ein Dzorette, der mit von Hand eingesammelten Rottannennadeln bestreut ist. Eine Apfelcharlotte mit Heidelbeersauce bildet den süssen Abschluss des Menus – und bescherte Anna den grössten Aufwand: «Dazu legte ich jedes Förmchen mit hauchdünnen Apfelscheiben aus, eine Nifeliarbeit.» Um Mitternacht löst sich die Runde auf, man verabschiedet sich, satt und inspiriert.

Was macht es aus, dieses Blinddate mit zehn? Man erhält erstens Einblick in ein fremdes Esszimmer, freut sich zweitens, zu einer kleinen Runde von interessierten Gästen zwischen 25 und 70 zu gehören, und hat drittens erst noch direkten Kontakt zur Köchin. Pearson ist der Philosophie der Öko-Gastronomievereinigung Slow Food verpflichtet, saisongerechtes Kochen ist ihre Passion. Wer kulinarisch überrascht werden will, der kommt bei «a tavola!» auf seine Kosten. Eine Speisekarte gibt es nicht. «Diese Zeiten sind passé», sagt Pearson. «Man isst, was auf den Tisch kommt.» Nicht nur hier fühlen wir uns an Grossmutters Zeiten erinnert. Anna meint: «Unsere Sehnsucht nach der Grossfamilie wird in meinem Esszimmer gestillt.»

Interessierte können sich über folgende Websites bei den Gastgebern anmelden: atavola.annasfinest.ch, www.departamento.ch oder www.leamontini.ch .




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