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Tagblatt Online, 20. Juli 2012 08:16:00

Wo Uhren ticken und Automaten spielen

Von den Jurassiern heisst es, sie trügen die Uhrmacherei in den Genen. Ein neues Uhrenmuseum und eine dezentrale Sonderausstellung geben einen spannenden Blick in die Industriegeschichte des Neuenburger Juras.

Richard Bauer

Für einmal sind es nicht Seen, Berge und Wälder, die den Besucher des Neuenburger Juras in Staunen versetzen. Diesen Sommer sorgen drei aussergewöhnliche Stars für Aufsehen. In Neuenburg ist es «Der Schriftsteller», in Le Locle «Der Zeichner» und in La Chaux-de-Fonds «Die Musikerin». Im Scheinwerferlicht stehen die weltberühmten Androiden aus dem Hause Jaquet-Droz, Automaten in Menschengestalt, die seit der Zeit der Aufklärung Generationen von Zuschauern in Entzücken versetzen.

Mechanische Zauberwelt

Schlägt die Stunde der Vorführung, dann steigt die Spannung im Amphitheater des Uhrenmuseums von La Chaux-de-Fonds. In der Rolle eines Zauberers präsentiert ein netter Herr mit schwarzen Handschuhen eine Reihe von Automaten, allen voran die junge Dame, die einer Orgel auf magische Weise Töne entlockt. Fasziniert folgt der Blick den rot bemalten Fingerchen auf der Klaviatur. Plötzlich nimmt man wahr, dass sich dabei der Busen sachte hebt und senkt und sich auch Kopf und Augen bewegen. Nur die Garderobe der fragilen Dame habe man ersetzen müssen, Mechanik und Melodien seien die gleichen wie vor 238 Jahren, erklärt der Museums-Uhrmacher. Dann dreht er dem Publikum die Rückseite der Musikerin zu, hebt das Röckchen und erklärt das komplizierte Innenleben.

Mit ihren mechanischen Wunderwerken gelten Vater Pierre und Sohn Henri-Louis Jaquet-Droz sowie deren Partner Jean-Frédéric Leschot als eigentliche Erfinder des Automaten, der Frühform der heutigen Roboter. Dabei war Pierre Jaquet-Droz nicht nur ein begnadeter Tüftler, sondern ein ebenso erfolgreicher Kaufmann und Unternehmer. Die ersten in La Chaux-de-Fonds hergestellten Automaten waren nicht zum Verkauf bestimmt, sondern Teil einer geschickten Marketingstrategie. Mit ihnen zog Jaquet-Droz von einem Fürstenhof zum anderen, um seine Uhren und Pendulen zu bewerben. Der alten Tradition folgend, hat vor kurzem die heutige Besitzerin der Uhrenmarke Jaquet Droz, die Swatch-Gruppe, den «Schriftsteller» als Marktöffner nach China entführt. Neu programmiert, schrieb der pausbäckige Aufklärer mit der grossen Feder auf kleine Kärtchen das selbstbewusste Statement: «Jaquet Droz in China» – selbstverständlich alles in chinesischen Schriftzeichen.

Nachdem es der Gründerdynastie der Jaquet-Droz gelungen war, die Automatentechnik zu miniaturisieren, übernahmen unzählige Uhrmacher im Jura die neuen mechanischen Prinzipien und entwickelten eine Vielfalt von handwerklich bestechenden Produkten. Die Jaquet-Droz-Automaten sind heute nur die Aushängeschilder der dezentral aufgebauten Ausstellung «Automates & Merveilles», zu der sich die drei Neuenburger Museen zusammengefunden haben. Noch bis Ende September sind dort hervorragende Einzelstücke aus den verschiedensten Manufakturen, zum Teil auch aus dem Ausland, zu bestaunen.

Le Locle und La Chaux-de-Fonds lohnen nicht nur wegen ihrer Museen einen Besuch. Sie gelten als perfekte Symbiose von Urbanistik und Industrie, wo Arbeiter und Patrons in der gleichen Strasse wohnten und arbeiteten. Als Zeuge dieser Industriekultur fanden sie vor nicht allzu langer Zeit Aufnahme in die Unesco-Liste des Weltkulturerbes. Wer sich auf den Spuren der Uhrmachertradition in den Jura aufmacht, für den ist ein Abstecher nach Le Sentier – im waadtländischen Vallée de Joux – ein Muss. Dort ist jüngst das neu gestaltete Uhrenmuseum Espace Horloger wiedereröffnet worden. Schon bei der Anfahrt erinnert die eigenwillige Bauweise der Bauernhäuser daran, dass man sich in einer Uhrmachergegend par excellence befindet. Hinter den ungewöhnlich breiten und hohen Fenstern vermutet man die verstaubte Werkbank eines Bauern, der sich früher während der langen Wintermonate ein Zubrot als Uhrmacher verdiente.

Jeder sein eigener Uhrmacher

Besonders reizvoll am Espace Horloger ist, dass es Unterschlupf in der alten Uhrenmanufaktur Zenith gefunden hat. Treppauf, treppab geht der Weg, den früher die Uhrmacher während der täglichen Arbeit zurücklegten. Didaktisch vorbildlich gestaltet ist die Reise durch die Jahrhunderte der Uhrenproduktion, einladend die Spielwiese, wo sich jeder auf überdimensionierten iPads seine eigene Uhr zusammenstellen kann oder Auskunft über die wichtigsten Berufe der Uhrenbranche erhält. Knopfdruck genügt, und schon hat man sein Berufsprofil an die eigene E-Mail-Adresse verschickt.

www.automatesetmerveilles.ch ; www.espacehorloger.ch




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