Tagblatt Online, 03. August 2012 09:43:28
Pfelders macht vorwärts
Noch dürfen Hotelgäste und Einheimische mit dem Auto in das idyllische Bergdorf hineinfahren, und noch müssen bloss Tagestouristen ihr Auto am Ortsrand parkieren. Bald möchte Pfelders aber ganz autofrei sein.
Christian Schreiber
Der orange Bus hat eine ordentliche Geschwindigkeit drauf, die zahlreichen Kurven können ihn nicht ausbremsen. Das schafft erst ein Auto mit einem britischen Nummernschild. Der Busfahrer speit italienische Schimpfworte, aber vergebens. Er muss sich damit abfinden, dass er seinem Ziel bloss im Schneckentempo entgegenfährt. – Zehn italienische Flüche später erreichen wir Pfelders im hinteren Passeiertal. Das Dorf ist auf dem Weg zum ersten autofreien Ort in Südtirol. Noch dürfen Hotelgäste und Einheimische einfahren, nachdem sie die Schranke am Ortseingang mit dem richtigen Code gefüttert haben. Aber auch das soll sich so schnell wie möglich ändern. Und Tagestouristen müssen ihr Auto bereits heutzutage am Rand von Pfelders abstellen.
Freundlich ist der Empfang im Dorf. Kinder winken von dunklen Holzbalkonen, die üppig mit Geranien bestückt sind. Sogleich spürt man: Hier feiert der Alpenbarock Hochstand. Designbauten oder gar mehrstöckige Hotelkomplexe sind seit einem Gemeinderatsbeschluss verboten. Die Bewohner sind stolz auf ihren rund tausend Jahre alten Ort. Neben der Schule steht ein Steinhäuschen, das die Bauern vor vielen Jahren zum kollektiven Brotbacken nutzten. Die kleine Kirche hat auf der Westseite ein Dach mit neuen Schindeln bekommen. Die Café-Terrassen sind voller müder Wanderer, die Kinder auf den Spielplätzen dagegen umso agiler.
«Ein Dorf voller Blech»
So idyllisch ist es früher nicht gewesen. «Unser Dorf war voller Blech», erzählt Willi Klotz, Bürgermeister von Pfelders. Im Winter waren es Skifahrer, im Sommer Wanderer, die mit ihren Autos die Strassen verstopften, Zufahrten blockierten und Eingänge zu Garagen versperrten. Pfelders liegt auf 1600 Metern über Meer und ist eine Sackgasse. Am Ortsende beginnen Alpwege, die auf stattliche Dreitausender führen. Die Besucher wollten so nah wie möglich an die Lifte und Wanderpfade herankommen.
Vor fünf Jahren hatten die Pfelderer die Nase voll und beschlossen autofrei zu werden. Vereinzelt fahren noch Hotelgäste, Zulieferer oder Einwohner durch den Ort, aber die Strassen sind jetzt schon stark verkehrsberuhigt. Die Touristen nutzen Shuttlebusse oder die Kutsche. Viele Einheimische haben sich umgestellt und machen selbst beschwerliche Wege zu Fuss. Ein älterer Mann schleppt schwere Tüten vom Supermarkt nach Hause, während eine junge Frau Altpapier und leere Weinflaschen mit der Karre zu den Recycling-Containern schiebt.
Es herrscht eine entspannte Atmosphäre. Wenn man abends auf dem Hotelbalkon sitzt, kann man Sterne und Stille richtig geniessen, weil kein Motor dröhnt und kein Auto hupt. Tags lassen Familien ihre Kinder unbesorgt auf der Strasse spielen, höchstens ein Traktor rattert einmal vorüber. Das Mobilitätskonzept mit Shuttle- und Linienbussen, welche die Einstiege zu den Bergtouren ansteuern, ist ein guter Ansporn zum Wandern. Niemand benötigt sein Auto.
Pfelders vermarktet sich als «sanft mobiler Ort». Es wurden bereits viele Anstrengungen unternommen. Dazu gehört etwa auch, dass Skifahrer im Winter jeden Lift per Bus erreichen und abends mit den Brettern bis zum Parkplatz wedeln können. Dafür hat die Gemeinde sogar die Talstation ihrer Bergbahn mehrere Meter nach unten versetzt. Aber insgesamt geht es den Südtirolern doch zu langsam. Bürgermeister Klotz lässt durchblicken, dass er gerne ein schnelleres Tempo anschlagen würde. Zumal in drei Jahren seine dritte Amtsperiode abläuft und er per Gesetz nicht mehr antreten darf. Wenn es nach Klotz ginge, würden schon längst Elektrobusse durch den Ort fahren. Es stört ihn auch, dass die Pläne für eine Tiefgarage lediglich in den Köpfen existieren, aber noch nicht auf Papier. Bis jetzt stehen die Autos noch auf Beton- und Schotterflächen ohne Dach. Aber Bürokratie und Budget verlangsamen vieles. Immerhin hat es Pfelders geschafft, bei den «Alpine Pearls» aufgenommen zu werden. Zu diesem Zusammenschluss von knapp dreissig Gemeinden im Alpenraum, die sich klimaschonende Ferienangebote auf die Fahnen geschrieben haben und den Autoverkehr so weit wie möglich verbannen wollen, gehören in der Schweiz auch Arosa und Interlaken. Beeindruckt war Bürgermeister Klotz von Arosa. «Da können wir uns einiges abschauen», lobt er, «vor allem den 30-Minuten-Takt der Gratisbusse.» Natürlich ist sich Klotz bewusst, dass Pfelders mit gerade einmal 400 Gästebetten eine Nummer kleiner ist.
Prächtiger Rundblick
Klotz ist der richtige Mann für die Aufgabe, Pfelders PKW-frei zu machen. Er legt mehr Kilometer zu Fuss als mit dem Auto zurück. Im Sommer muss er nämlich jeden Abend Hänge in luftiger Höhe ablaufen, um seine Ziegen zum dortigen Melkstand zu treiben. Vor dem prächtigen Rundblick erklärt er uns, dass das Gemeindegebiet von Pfelders 200 Quadratkilometer umfasst und dass es zur Texelgruppe gehört, dem grössten Nationalpark Südtirols. Und dass auch der berühmte Meraner Höhenweg über Gemeindeboden verläuft. «Schön ist es hier», erklärt er stolz und fügt an: «Aber perfekt ist es erst, wenn keine Autos mehr fahren.»
Gut zu wissen
Anreise: Ab Zürich gelangt man mit der Bahn in knapp sechs Stunden nach Meran. Ab Bahnhof Meran gibt es halbstündige Busverbindungen ins Passeiertal. Südtirol-Express: Von April bis November fährt der Bus jeden Samstag über St. Gallen, Winterthur und Zürich nach Meran; www.suedtirolexpress.ch .
Wanderbus: Von Juni bis Mitte Oktober verkehrt der Wanderbus Passeiertal unter anderem übers Timmelsjoch. Weitere Informationen: www.passeiertal.it .
Unterkunft: Empfehlenswert ist etwa das Hotel Pfeldererhof. Ab 35 Euro pro Person im DZ; www.pfelders-pfeldererhof.it .
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