Tagblatt Online, 03. August 2012 09:43:33
Mit dem Schiff zum Rest der Welt
Es ist eine Weile her, da machten notorische Staus den Walensee zum «Qualensee». Seit 1986 braust der Verkehr über die A 3 an den Dörfern vorbei. Für Quinten sind Auto und Stau allerdings seit eh und je Fremdwörter.
Inge Jucker
Ruhig liegt der See heute – er kann auch anders –, und leises Verkehrsrauschen gleitet übers Wasser und dringt bis an die Gestade von Quinten. Die Welt hier ist eine andere. Keine Verkehrsampeln, keine Strasse, erst recht kein Auto. Die kleinen Fachwerk- und Rebhäuser schmiegen sich an den steilen Südfuss der Churfirsten, wo sich ein einzigartiges Mikroklima entwickelt hat: Es ist dermassen mild, dass sogar Reben, Feigen und Kiwis prächtig gedeihen.
Arbeitsreiche Idylle
Wer in Quinten ankommt, hat entweder einen etwa dreistündigen Fussmarsch oder eine Fahrt mit dem seequerenden Kursschiff oder aber mit dem längs von Weesen bis Walenstadt verkehrenden Ausflugsschiff hinter sich. Anders ist das Örtchen nicht erreichbar.
Der Weg durch das Dorf ist kurz und steil, führt vorbei an Bauerngärten, dem Kirchlein und dem Feuerwehrdepot. Man fragt sich unweigerlich, wie sich hier ein Bewohner fühlt, dem die Besucher fast durchs Gemüsebeet spazieren. Margrit Bärlocher gibt uns verschmitzt lachend die Antwort: «Wenn man immer etwas zu tun hat, bemerkt man die Leute gar nicht.» Und die agile 63-Jährige hat immer Arbeit, denn sie bestückt ihr «Kellerlädeli» im Dörfli ausschliesslich mit Selbstgemachtem. Genussmenschen gehen hier die Augen über: Quintener Honig, Feigenkonfitüre, Pfefferminzöl, Bärlauchsenf, Geisswürste, Feigenschnaps und Quintener Wein.
Die Pflege der Reben beginnt bereits im Januar. Doch während der Sommermonate ist die Laubarbeit sehr aufwendig, müssen Netze gespannt und elektrische Zäune gegen Füchse und Marder gezogen werden. Meistens kann die Weinbäuerin dann mit ihrem Weidling den Rebberg erreichen. Nur bei Sturm ist die Anlegestelle zu gefährlich – dann steht ein 40-minütiger Fussmarsch bevor. Wenn nicht im Rebberg, ist die Selbstversorgerin in Haus und Garten beschäftigt. Und auch die Geissen, Schafe, Kaninchen, Hühner und Bienen wollen umsorgt sein. «Während der Hochsaison wird immer gerade das erledigt, geerntet oder verarbeitet, was am dringendsten ist», erzählt sie. Wer selber auch nur ein Gemüsebeet bewirtschaftet hat, weiss: Es wird oft alles zusammen reif.
Die Zürcherin lebt seit 1983 in Quinten. Sie hat das Dorf in ihrer Kindheit während vieler Ferienwochen kennengelernt. Einige Häuser und Wohnungen werden an Feriengäste vermietet, ein Hotel gibt es nicht. Auch keinen Laden, der Dinge des täglichen Gebrauchs anbietet. Was hier zum Leben benötigt wird, wächst entweder im Garten oder muss mit dem Schiff hergebracht werden. Letzteres gilt auch für die Ferienaufenthalter. Doch wenn sie keine Lust zum Kochen haben, können sie immerhin zwischen zwei Restaurants auswählen. Dort treffen sich übrigens auch die Einheimischen ab und zu auf einen Schwatz. In Quinten wohnen Menschen jeden Alters, drei Familien haben Kinder. Diese werden bei jedem Wetter mit dem Kursschiff nach Murg zum Kindergarten und zur Schule gefahren.
Hohe Lebensqualität
Schliesslich interessiert doch noch, ob denn die Quintener, die ein echt autofreies Dorf haben, ganz ohne Wagen auskommen. «Nein, einige haben drüben in Murg ein Auto stehen», erzählt Margrit Bärlocher. Auch sie besitzt eines. Das braucht sie nicht nur fürs Anliefern von Einmachgläsern, Tierfutter und Strohballen, sondern hie und da auch für einen Tiertransport. Von Quinten nach Murg reisen beispielsweise die Schafe jeweils auf dem Weidling, danach geht es im Autoanhänger weiter.
Für die Quintener bedeutet das Leben ohne Auto grundsätzlich etwas Zusatzaufwand, weil jedes Ding auf dem Wasserweg herbeigeschafft werden muss. Doch das nehmen die Menschen gern in Kauf, denn als Entschädigung geniessen sie eine hohe Lebensqualität im idyllischen Dorf. Und davon profitieren auch die Tagesgäste.
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