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Hat die Anrede «Herr Doktor» ausgedient?

Die Krankenkassenprämien steigen im nächsten Jahr um 4,5 Prozent. (Symbolbild Keystone)
STIL ⋅ Ich bin verunsichert, wie man heutzutage einen Arzt richtig anspricht. Als Kind hatte ich gelernt, «Herr Doktor» zu sagen. Da mein Hausarzt keinen weissen Kittel mehr trägt, habe ich begonnen, ihn mit dem Nachnamen anzusprechen. Wie spreche ich den Facharzt im Spital, den Professor, den Pfarrer, den Politiker korrekt an?
27. November 2017, 15:35
Doris Pfyl

Wenn es um die korrekte Form der Anrede geht, bekunden heutzutage viele eine Verunsicherung und verhalten sich oft hilf-, gelegentlich auch stillos. Dabei ist das Thema bei einem respektvollen Miteinander durchaus wichtig, wird deshalb von einigen auch penibel genau beobachtet – und von anderen komplett unterschätzt. Allerdings würde ich es zumindest in unserem Land nicht übermässig hochspielen und schon gar nicht von einem Minenfeld der Etikette sprechen. Doch droht immerhin erhebliche Fettnäpfchengefahr.

Titel auf Wunsch weglassen

Was Sie als Kind gelernt haben, hat noch immer Gültigkeit. Verfügt eine Person über einen akademischen Titel und bin ich in Kenntnis davon, so spreche ich diese Person mit dem Titel an. Titel werden erst dann weggelassen, wenn der Betreffende es ausdrücklich wünscht.

Auch wenn ein Arzt keinen weissen Kittel mehr trägt und damit seinen Patienten eine offene und legere Haltung signalisiert, rate ich dennoch zur korrekten Anrede. Dabei ist zu sagen, dass «Herr Doktor» ohne Namensnennung nur bei einem Arzt (Mediziner) verwendet wird.

Bei mehreren akademischen Titeln nennt man stets den ranghöchsten. Im Professorentitel ist der Doktortitel bereits enthalten. Somit wird der (oder werden die) Doktortitel nicht auch noch erwähnt: «Guten Tag, Herr Professor Meier», nicht: «Guten Tag, Herr Professor Doktor Meier.»

Bei schriftlichem Kontakt werden in der Briefadresse alle Titel genannt: Frau Professorin Dr. Maja Muster. In der Anrede im Brief wird der höchste Titel genannt: Sehr geehrte Frau Professorin Muster. Eventuell erscheint Ihnen die weibliche Form der Anrede des Professors, nämlich Professorin, seltsam. Sie ist tatsächlich nicht so geläufig, aber korrekt. Zugegeben, ich tue mich damit auch etwas schwer. Denn «Frau Doktorin» kennen wir bis anhin ja nicht. Wer weiss, vielleicht setzt sich diese Form dereinst im Rahmen der Anpassungen der gleichberechtigten Anrede auch noch durch.

Bei einem Geistlichen lautet die noch immer gängige Anrede «Herr Pfarrer». Es kann aber sein, dass der Würdenträger die Nennung seines Namens vorzieht – das ist individuell. Es ist daher nicht stillos oder ein Zeichen von Unsicherheit, wenn Sie diesen fragen, wie er angesprochen werden möchte. Ganz im Gegenteil: Als Fragender bekunden Sie Interesse, eine gewisse Achtsamkeit und Verständnis, dass der Titel nicht in jedem Fall passend ist.

Entweder-oder-Regel

Dies gilt auch bei der Anrede von Politikern. Gerade auf dem öffentlichen Parkett will eine «öffentliche» Person eventuell gerne einmal etwas Diskretion oder gar unerkannt bleiben.

Ungefragt gibt es bei den Politikern – so etwa bei Bundesräten und Diplomaten – eine ganz einfache Regel: Entweder Sie nennen den Namen oder den Titel. Mischen Sie diese beiden aber nicht. Ausser bei einer Vorstellung der Person – da ist es für Anwesende unter Umständen wichtig, Name und Titel erwähnt zu bekommen.

Doris Pfyl


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