Ratgeber

Ist sie wirklich nur eine Kollegin von ihm?

(Archiv LZ)
BEZIEHUNGEN ⋅ Mein Partner (39) trifft sich regelmässig mit einer anderen Frau. Sie sei nur eine Kollegin, versichert er. Aber ich muss zugeben, dass ich etwas misstrauisch bin. Ist es nicht eher selten, dass Männer rein freundschaftliche Interessen an Frauen haben? Auf welche Indizien müsste ich achten, damit ich rechtzeitig merke, falls da mehr läuft?
08. Februar 2018, 09:36
Birgit Kollmeyer

Natürlich ist es möglich, dass einen Mann rein freundschaftliche Interessen mit einer Frau verbinden. Gleichzeitig ist es verständlich, dass Sie verunsichert sind. Zumal das Thema Aussenbeziehung heikel ist: Wir haben das Grundbedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit. Und die meisten von uns wünschen sich Treue von ihrem Partner/ihrer Partnerin. Es geht um Exklusivität, also darum, etwas Besonderes für den Part­ner zu sein oder etwas mit­einander zu teilen, was man mit niemand anderem teilt.

Gerade Sexualität steht für eine Art von Nähe und Intimität, die die Liebesbeziehung von anderen wichtigen Beziehungen unterscheidet. Für viele Menschen ist sie ein Ausdruck der Gefühle für den anderen und eine Bestätigung ihrer Liebe, durch die das Paar seine exklusive Zusammengehörigkeit spürt.

Treue ist aber offenbar nicht so einfach, weder für Männer noch für Frauen: Fachleute schätzen, dass 90% der Männer, aber auch 75% der Frauen, mindestens einmal im Laufe ihres Lebens Sex ausserhalb der Partnerschaft haben. Die Differenz zwischen den Geschlechtern wird immer geringer.

Es ist mir klar, dass dies für Sie alles andere als beruhigend ist, sondern Sie vielleicht noch stärker alarmiert. Ich denke allerdings, dass wir uns in Bezug auf das Thema Treue der Realität stellen müssen, und die sieht so aus, dass es jedem passieren kann, dass er oder sie das starke Bedürfnis spürt, einen sexuellen Kontakt zu einer anderen Person als dem Partner/der Partnerin zu haben. Sei es aus Verliebtheit, sexueller Anziehung, dem Bedürfnis nach Bestätigung oder dem stärkeren Spüren von Vitalität oder aus anderen menschlichen Beweggründen.

Kontrolle macht wenig Sinn

Die Augen vor der Häufigkeit von Affären zu verschliessen, führt nur dazu, dass man in dem Fall, dass es in der eigenen Partnerschaft passiert, nicht nur sehr verletzt ist, sondern dass man sich auch noch sehr vor anderen schämt, denen dies ja vermeintlich nicht passiert.

Dass man erkennen kann, ob eine Mann-Frau-Beziehung mehr als freundschaftlich ist und dann ein Gegensteuern möglich ist, halte ich für unwahrscheinlich und auch nicht für den richtigen Weg, da er leicht in Kontrolle und Eifersuchtsszenarien münden kann.

Meines Erachtens ist es die Person, die das Bedürfnis nach sexuellen Kontakten ausserhalb der Partnerschaft hat, die die Verantwortung für ihr Handeln trägt. Niemand rutscht «einfach so» in eine Affäre oder Nebenbeziehung hinein, sondern man trifft viele kleine Entschei­dungen. Die sollte man bewusst treffen und darüber nachdenken, was man will und welche Konsequenzen das eigene Handeln haben kann.

Bezüglich Verhalten des Partners sollte man nicht über Indizien für Untreue nachdenken. Man kann in einer Partnerschaft aber das Gespräch über den Umgang mit diesem Thema suchen. Da Kontrolle weder sinnvoll noch wirklich möglich ist, bleibt aber jeder für sein Verhalten selber verantwortlich.

 

Birgit Kollmeyer

Dipl. Psychologin, Paar- und Sexualtherapie, Bern


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