Ratgeber

Die Luft ist raus – zu viel Harmonie zwischen uns?

Ein Paar geniesst die romantische Stimmung am See. (Bild: Keystone)
BEZIEHUNGEN ⋅ Bei unseren Freunden gelten wir (37, 34) als Traumpaar: Wir gehen sehr lieb miteinander um und streiten uns fast nie. Tatsächlich sind wir aber nicht glücklich, sondern leben nebeneinander her. Wir haben uns schon sehr gern, aber irgendwie ist die Luft aus unserer Beziehung raus – auch aus der Sexualität. Sind wir zu harmonisch?
30. November 2017, 09:23
Birgit Kollmeyer

Sie scheinen zu den Paaren zu gehören, die es vermeiden, sich mit der eigenen Beziehung auseinanderzusetzen, weil ihnen Harmonie sehr wichtig ist. Vielleicht passen Sie sich auch stark aneinander an und stellen eigene Bedürfnisse zurück – um des lieben Friedens willen.

Zunächst fühlt sich das für ein Paar gut an: geborgen, sicher, geliebt, vom anderen bestätigt. Beide haben sich angewöhnt, schnell den gemeinsamen Nenner zu­ ­suchen, diesen zu betonen und Unterschiede möglichst klein zu halten. Für die Gestaltung und die Bewältigung des Alltags ist das wunderbar, und auch gemeinsames Elternsein funktioniert auf diese Weise reibungslos. Das Paar entwickelt ein starkes Wir-Gefühl und wächst zusammen.

Aber mit der Zeit kann diese Symbiose zur Falle werden: Es fehlt der offene Austausch über die Bedürfnisse von beiden, und es finden keine Auseinandersetzungen über die Unterschiede bei den Einstellungen und den Werten statt. Und letztendlich leidet auch das sexuelle Begehren.

Zu viel Nähe

Denn wie kann man jemanden begehren, mit dem man so zusammengewachsen ist? Er oder sie ist ja sowieso da – ganz nah – vermutlich zu nah.

Ihr liebevoller Umgang miteinander kann aber eine Ressource sein, die Sie in Form von guter Kommunikation nützen können. Machen Sie sich zur Gewohnheit, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten und sie mitzuteilen. Möchten Sie etwa, statt beim Fussballmatch zuzuschauen, die Zeit lieber für sich nützen? Fehlt Ihnen ein eigenes Hobby? Wagen Sie es, Ihre sexuellen Wünsche zu äussern? Stört Sie in bestimmten Situationen das Verhalten Ihres Partners/Ihrer Partnerin?

Lassen Sie sich nicht von der Befürchtung abhalten, der/die andere könne negativ reagieren oder verunsichert werden. Ja, das kann passieren. Aber für eine angemessene Reaktion ist jede/jeder selber verantwortlich und auch dafür, sich selbst zu beruhigen, wenn ein Wunsch der anderen Person Verunsicherung auslöst. Stehen Sie zu Ihren Bedürfnissen und drücken Sie diese auf die gewohnte respektvolle Art aus – wohlwollend und ohne zu fordern.

Individuum bleiben

Paare brauchen neben Gemeinsamkeiten auch eine gesunde Distanz: das Stehen zur eigenen Meinung, die Reibung und das Erleben, dass man auch noch eine Individualperson ist – mit eigenen Interessen, Freunden und Zeit für sich.

In der Partnerschaft eine Balance zu halten zwischen Nähe und Distanz, Gemeinsamkeit und Autonomie, stellt eine grosse Herausforderung dar. Es ist ein Thema, über das man sich als Paar immer wieder mal austauschen sollte, da sich die Lebensumstände, die Einstellungen und die Bedürfnisse ständig ändern. Ein Buchtipp hierzu: «Intimität und Verlangen» von David Schnarch. Ganz wichtig ist es, die eigenen Bedürfnisse genauso wichtig zu nehmen wie die des anderen. Idealerweise findet man gemeinsam einen Weg, die Bedürfnisse von beiden zu erfüllen. Aber Abstriche und Kompromisse gehören dazu.
 

(red)

 


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