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Verlust – die letzte Lektion

21. Januar 2018, 05:17
Claudia Lässer

Letzte Weihnachten habe ich meinen Vater verloren. Die Schockwellen dieses Ereignisses erreichen mich täglich. Erinnerungen fluten mein Hirn, meine Hände greifen ins Leere, mein Herz sucht Halt. Erst realisiere ich, dass er weg ist, dann realisiere ich, dass er nie mehr wiederkommt. Ausgerechnet die schwerste Prufung muss ich ohne ihn, der mir bei so vielem beigestanden hat, alleine bestehen. Er hätte mich gehalten, getröstet, mit mir geredet. Er hätte mir geholfen, mit dem Verlust umzugehen. Trotz meiner Freunde und meiner Fa- milie fuhle ich mich schrecklich alleine. Überall wo mein Vater war und mich angelächelt hat, ist jetzt er, dieser fies grinsende Verlust. 41 Jahre war mein Vater fur mich da, hat mir Liebe, Boden und Urvertrauen gegeben. Auch wenn er nicht da war, war er da. Denke ich jetzt an ihn, versperrt mir der Verlust den Weg, lässt mich nicht durch.

Ich will es fassen, das unfassbare Wesen. Es zur Seite schieben, wegdrucken, kaputtschreien. Es gelingt mir nicht. Immer wieder huscht es weg, nur um sich an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit vor mir aufzubauen wie die Mudigkeit nach einem langen Tag. So lerne ich langsam, mit ihm zu leben. Ich fruhstucke mit Verlust, dem Nebelwesen, gehe mit ihm zur Arbeit, koche mit ihm, sehe ihn in der Ecke meines Zimmers, wenn ich mit meiner Tochter spiele. Verlust bestimmt, welche Musik ich höre, welche Kleider ich anziehe, welche Gedanken ich denke. ­Verdammter Verlust. Ist einfach da. Hartnäckig und herzlos.

Ich verreise. Ich weiss, er wird auch dort sein. Er wird mir den Sonnenuntergang verschleiern, das Meer vergiften und meine Erinnerung verwusten. Es ist nicht das erste Mal, dass wir uns uber den Weg laufen, Verlust und ich. Wir sind fluchtige Bekannte, man kennt sich vom Sehen. So richtig lernen wir uns erst jetzt kennen. Gemocht habe ich ihn nie. Ich bin wieder zu Hause. Meine Familie sieht mir an, ich habe meinen ungebetenen Gast wieder mitgenommen. Ich sehe, sie beginnen ihn auch zu sehen. In diesem Moment ist mir klar, jetzt ist genug. Aber wie werde ich ihn los? Ich versuche es anders. Statt auszuweichen, gehe ich auf Verlust zu. Hallo Verlust, wer bist du? Ich bin, was war. Was willst du? Gehen. Warum gehst du also nicht endlich? Weil du mich nicht loslässt. Ich kann dich nicht loslassen, ich bin traurig. Das verstehe ich, aber du musst mich loslassen. Wie, es tut so weh. Ja, aber ich werde immer grösser und schwerer, je länger du mich festhältst. Und je mehr du mich hältst, desto weniger kannst du deine Tochter, deinen Freund und deine Familie halten. Sie sind es, die deine Kraft brauchen. Wie du die Kraft deines Vaters gebraucht hast.

Nach diesem Gespräch habe ich Verlust seltener gesehen. Manchmal bleibt er zum Kaffee. Aber immer öfters lebe ich wieder in der Zeit, zu der Verlust keinen Zugang hat – in der Gegenwart. Vielleicht war Verlust die letzte Lektion, die mir mein Vater auf den Weg mitgegeben hat. Eine Lektion die mich lehrt, dass Freunde und Familie das Wichtigste uberhaupt sind. Und der Alltag mit ihnen das ganz einfache, grossartige Gluck ist. Danke Papi!

Claudia Lässer


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