Sonntagsgericht

Krieg, Flucht, Misshandlung – und auch eine IV?

28. Januar 2018, 09:55
Silvan Meile

Die Frau schweigt. Ihr Blick fixiert den Boden vor ihren Füssen. «Wollen Sie auch noch etwas sagen», fragt der Richter am Verwaltungsgericht. Sie zuckt die Schultern, räuspert sich. Mehr nicht. Das Reden übernimmt ihr Anwalt. Er fordert eine Invalidenrente für die 56-jährige Frau. Weil ihr IV-Gesuch abgewiesen wurde, müssen nun die Richter über den Rekurs entscheiden. Das Leben meinte es schlecht mit der Frau, legt der Anwalt vor Gericht dar. Sie sei am Boden zerstört. An eine Arbeit sei nicht zu denken.

Die Augen der Frau bleiben nach unten gerichtet, während ihr Anwalt die Lebensgeschichte nachzeichnet. 1961 im Kosovo geboren. Drei Söhne. Krieg. Familiennachzug in die Schweiz.

Doch die Frau konnte auch nach der Flucht vor dem Krieg keinen Frieden finden. «Sie wurde von ihrem Mann malträtiert», erklärt der Anwalt, «und später verlassen.»

Und so stand sie da. «Ohne berufliche Ausbildung musste sie alleine drei Söhne ernähren und grossziehen.» Dennoch sei sie stets einer Arbeit nachgegangen, zuletzt in einem Frauenfelder Altersheim. Der Anwalt spricht von einer «massiven Belastung» für die Mutter, die sich als Reinigungskraft über Wasser hielt. Diese Belastung habe schliesslich «zur Zerstörung der Leistungsfähigkeit» geführt, argumentiert der Rechtsvertreter.

Er hat viele Gründe, weshalb seine Mandantin eine Invalidenrente bekommen soll. Eine ganze Liste an diagnostizierten Gebrechen könnte er vortragen. Doch er belässt es bei einem Auszug: «Arthrose, Asthma, Hirntumor, Kopfschmerzen, Schwindel, Angstzustände.» Neurologen, Chirurgen und Psychiater hätten sich mit der Frau befasst. Doch die Behörden anerkennen nicht, dass die Frau nicht mehr arbeiten kann. An der Verhandlung vor Verwaltungsgericht ist die IV-Stelle aber nicht anwesend.

Bei den Ärzten, die die Frau untersuchten, gehen die Meinungen ganz weit auseinander. «Das macht es so schwierig», sagt der Anwalt. Er bemängelt, dass es keine «medizinische Gesamtbeurteilung» seiner Mandantin gebe. Nur während eines stationären Aufenthalts in einer entsprechenden Einrichtung könne eine genaue Abklärung getätigt werden, die auch die «massiven Leistungsdifferenzen von Tag zu Tag» miteinbeziehe.

Die körperlichen und psychischen Einschränkungen müssten neu beurteilt werden. Das ablehnende IV-Gesuch sei mangelhaft begründet. Wer die Krankheitsbilder seiner Mandantin betrachte, müsse zum Schluss kommen, dass von Arbeitsfähigkeit keine Rede sein könne. Auch die kriegsbedingte Flucht, die jahrelange alleinige Verantwortung für die mittlerweile erwachsenen Söhne und ihre strenge, schlecht bezahlte Tätigkeit während Jahren müsse in die Begutachtung einfliessen.

Die Frau blickt noch immer auf den Boden. Zu den Ausführungen ihres Anwalts hat sie keine Ergänzung. Die Richter lassen sich nicht anmerken, ob es für sie ein Funke Hoffnung auf eine IV-Rente gibt. Zumindest müssen sie den Fall nochmals beurteilen. Ihr Urteil steht noch aus.

Silvan Meile


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