Sonntagsgericht

Die Babysitterin und der Chauffeur fordern ihren Lohn

21. Januar 2018, 05:17
Thomas Wunderlin

Jede der beiden Frauen spricht gegenüber der Richterin wohlwollend über die andere. Dabei treffen die gebürtigen Osteuropäerinnen vor dem Bezirks­gericht Weinfelden als Gegnerinnen aufeinander. Die schwarzhaarige 41-Jährige hatte Mitte 2014 begonnen, als Babysitterin, Putzfrau und Haushalthilfe für die blonde 47-Jährige zu arbeiten. Sie sorgte umfassend für den neugeborenen Sohn der Chefin, die unter schweren Depressionen litt. Was die Babysitterin kochte, schmeckte auch der Tochter der Chefin.

Flog diese mit ihrem Mann in die Ferien, blieb der Bub bei der Babysitterin. Rund sechzig Mal pro Jahr nahm ihn die Babysitterin über Nacht zu sich nach Hause. So konnte sie gleichzeitig für ihre eigenen Kinder da sein. Entschädigt wurde sie pauschal mit 3000 Franken pro Monat bei 14 Wochen Ferien. «Sie war grosszügig», sagt die Babysitterin über ihre Chefin, und sie habe den Lohn immer bezahlt.

Nach den Weihnachtsferien wollte die Babysitterin am 9. Januar 2017 wieder ihre Arbeit aufnehmen. Da habe ihr ihre Chefin mitgeteilt, sie könne sie nicht mehr weiterbeschäftigen. Ihr Mann und sie hätten finanzielle Probleme. Die Chefin sagt in der Befragung durch die Einzelrichterin, sie habe der Babysitterin bereits Ende Oktober gekündigt. In diesem Fall wäre die Kündigungsfrist Ende Dezember abgelaufen. Umstritten ist nun, wie lange die Babysitterin Lohn zugute hat. Unterstützt von einer Vertreterin der Arbeitslosenkasse, fordert sie drei Monatslöhne. Ausserdem verlangt sie nachträglich für 2015 und 2016 sowie anteilsmässig für 2017 den dreizehnten Monatslohn. Da sie nie einen schriftlichen Arbeitsvertrag hatte, stützt sie diese Forderung auf den Umstand, dass sie 2014 eine Gratifikation von 500 Franken erhalten hatte. Aus Sicht der Arbeitgeberin handelte es sich dabei um eine ausserordentliche Zahlung, da die Babysitterin damals mit dem Neugeborenen einen besonders hohen Aufwand gehabt habe. Die Richterin gibt an diesem Dienstag noch kein Urteil bekannt.

Der Mann der Chefin war in der Immobilienbranche tätig. Gemäss einem Zeitungsbericht vom Sommer 2017 hatte sein Unternehmen Millionenschulden. Im Januar 2017 war noch Vermögen da, sagt der Anwalt der Arbeitgeberin. Es habe aber zuerst liquid gemacht werden müssen.

Der Berater auf der Regionalen Arbeitsvermittlungsstelle forderte die Babysitterin dazu auf, das Kündigungsschreiben mitzubringen, wie sie erzählt. Ein solches hatte sie keines. So ging sie am 12. Januar nochmals bei der Arbeitgeberin vorbei, wo sie von deren Mann ein Papier erhielt. Sie habe es unterschrieben, ohne es zu verstehen. «Sie hat eine falsch datierte Kündigung unterzeichnet», sagt ihre Anwältin. Aus ihrer Sicht wurde die Babysitterin am 9. Januar zusammen mit der Kündigung per sofort freigestellt. Er habe der Babysitterin an diesem Tag ihr Arbeitszeugnis übergeben, widerspricht der Ehemann der Arbeitgeberin. Er sei zuvor zu seiner Frau in die Klinik gefahren, damit sie es habe unterschreiben können. Seine Glaubwürdigkeit könnte die Zeugenaussage seines alten Freunds vermindern, der bis März 2017 für ihn unter anderem als Chauffeur arbeitete. Er habe auch weitergearbeitet, als er keinen Lohn mehr bekommen habe, sagt der Ex-Chauffeur. Im März 2017 habe er damit aufgehört. Letzte Woche hat er Strafanzeige gegen seinen Ex-Chef und Freund aus alten Zeiten eingereicht. Die Babysitterin könne nicht schon im Herbst die Kündigung erhalten haben, sagt er: «Das hätte ich bestimmt mitbekommen.»

Thomas Wunderlin


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