„Bis morgen sind wir zusammen“ - Was Erwachsene von verliebten Kindern lernen können.

GLOSSE ⋅
22. März 2018, 14:56
Martin Oswald
„Bis, dass der Tod uns scheidet.“ Dieser traditionelle Hochzeits-Schwur kam mit wachsender Scheidungsrate unter Druck. Doch das Konzept der treuen, gar ewig fortwährenden Liebe wird noch immer als gesellschaftliches Ideal hochgehalten. Gleichzeitig feiern Seitensprung-Plattformen im Internet Hochkonjunktur. Treue hat es schwer, besonders in unserer Multi-Options-Gesellschaft.
 
Kinder begegnen diesem Dilemma ganz anders. Das wurde mir neulich Abend bewusst, als meine neunjährige Tochter Anna* euphorisch von Klassenkamerad Nino* erzählte. Schon seit Monaten schwärmt sie von ihm. Gar verliebt sei sie. Bloss miteinander gesprochen hätten sie noch nie. Doch nun war sie endlich zu seiner Geburtstagsparty eingeladen. Wieder zuhause verkündete sie mit leuchtenden Augen: „Wir sind jetzt zusammen.“
 
„Und wie habt ihr das herausgefunden?“ fragte meine Frau. „Wir spielten Tat oder Wahrheit und mussten uns gleichzeitig sagen, in wen wir verliebt sind. Und wir haben beide unsere Namen gesagt. Jetzt sind wir zusammen.“ Meine Frau nickte anerkennend. Ich starrte auf mein Honigbrot. „Aber wir sind jetzt nur mal bis morgen zusammen. Morgen schauen wir, ob wir uns noch mögen und dann entscheiden wir, ob wir zusammen bleiben.“
 
Mir tropfte der Honig vom Brot. Bestechend, dieser gefühlsduselige Pragmatismus.
 
*Namen geändert