Tagblatt Online, 31. Januar 2009 01:04:00
TRIBÜNE Benedikt XVI. – ein Papst im Zwielicht
von Karl-Josef Kuschel
Hätte ein Bischof nicht besonders verblendet über angeblich für Juden nicht existierende «Gaskammern» schwadroniert und damit den «Holocaust» geleugnet, wäre möglicherweise gar nicht aufgefallen: Benedikt XVI. hat vier 1988 exkommunizierte Bischöfe wieder in die Glaubensgemeinschaft der Kirche aufgenommen, ohne dass diese ihre reaktionären Positionen öffentlich widerrufen hätten. Was innerkatholisch «Versöhnung» hätte sein können, wächst sich zu einem handfesten Skandal aus. Nicht länger abtun kann man den «Fall» Bischof Williamson als Privatmeinung eines rechtsradikalen Extremisten. Indem der Papst solche Figuren rehabilitiert, gerät er selber ins Zwielicht. Das freilich hatte sich seit längerem abgezeichnet, insbesondere durch selbstverschuldete Irritationen des Papstes in seinem Verhältnis zum Judentum.
Dabei hatte alles so gut angefangen. Im April zum Papst gewählt, reist Benedikt XVI. bereits im August 2005 zum Weltjugendtag an den Rhein. Am 19. August besucht er die Synagoge zu Köln. Als Deutscher weiss er um die von Deutschen zu verantwortenden Ereignisse des Holocaust, spricht sie direkt an. Als Theologe kennt er die epochale Erklärung «Nostra aetate» des Zweiten Vatikanischen Konzils über das «Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen». «Neue Perspektiven in den jüdisch-christlichen Beziehungen» habe sie eröffnet, sagt er, die durch «Dialog und Partnerschaft» gekennzeichnet seien. Das klang gut. Hoffnungen keimten auf, Benedikt XVI. würde seine unbestreitbare theologische Autorität nutzen, um dem Dialog gerade auch mit dem Judentum neue Impulse zu verleihen.
Umso fassungsloser reagierten viele auf ein völlig unerwartetes Ereignis. Ausgelöst wird es durch die Tatsache, dass der Papst Anfang 2008 den in vorkonziliarem Stil gefeierten lateinischen Messritus für Ausnahmefälle wieder zulässt. Ein erstes Zugeständnis an die erzkonservativen Traditionalisten um die sogenannte Pius-Bruderschaft St. Pius X., 1970 durch Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet. Der Name Pius X. steht für einen Mann, der im Jahr 1907 eine Kampagne wider einen angeblichen «Modernismus» in der Kirche vom Zaun bricht. Wellen von Denunziationen und Verdächtigungen rollen über die Kirche. Ein «Antimodernisteneid» für den Klerus wird eingeführt. Im Ungeist dieses Antimodernismus hatte Lefebvre denn auch solche Konzilsdokumente glatt verworfen, die sich für eine Reform der Liturgie, für Religions- und Gewissensfreiheit, für Ökumenismus und Dialog der Religionen aussprechen. Als Lefebvre dann auch noch 1988 vier Bischöfe weiht, kirchenrechtlich illegal, werden er und die Weihekandidaten exkommuniziert.
Benedikt XVI. aber geht auf die Traditionalisten zu. Denn mit einem ihrer Kernanliegen sympathisiert er schon lange: zurück zu einer traditionalistischen Liturgie. Entsprechend lässt er den vorkonziliaren Messritus als «Parallelliturgie» wieder zu. Zugleich aber stösst er Vertreter des Judentums vor den Kopf. Denn in diese alte lateinische Liturgie greift er an einem sensiblen Punkt ein. Er formuliert für die Feier des Karfreitags ein Gebet «für die Juden» neu, die in der alten Liturgie als Verblendete und Ungläubige hingestellt worden waren. Dabei gibt es seit 1970 bereits eine neuformulierte Karfreitags-Fürbitte in der heute gängigen volkssprachigen Liturgie.
Statt nun aber diese theologisch sensible Karfreitags-Fürbitte von 1970 für den wieder zugelassenen vorkonziliaren Ritus einfach zu übernehmen, kommt Benedikt XVI. auf die Idee, eine eigene Fürbitte zu verfassen. Ein Kernsatz lautet: «Lasst uns auch beten für die Juden. Dass unser Gott und Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Retter aller Welt.»
Juden, gerade auch die dialogoffenen unter ihnen, sind alarmiert. 40 Jahre jüdisch-christlicher Dialog scheinen widerrufen. In der Fürbitte von 1970 war das Volk Israel theologisch noch gewürdigt worden. Jetzt kein einziges positives Wort mehr in Ratzingers Neufassung. Stattdessen soll um die Erleuchtung der Juden gebetet werden. Erleuchten aber kann man nur jemanden, der bisher im Dunkeln lebte. Und wer Jesus Christus als seinen «Retter» erkennen soll, ist der nicht «gerettet», wenn er Christus nicht erkannt hat oder erkennen will? So muss man solche Sätze nicht verstehen, kann man aber. Vertrauen schaffen sie jedenfalls nicht. Im Gegenteil: Sie sind unnötig missverständlich, ziehen Misstrauen auf sich: Ängste bezüglich alter Forderungen nach einer Bekehrung der Juden und ihrer «Rettung» durch die alleinseligmachende Kirche.
Kaum hatte sich die Aufregung über die Karfreitags-Fürbitte gelegt, wird bekannt, dass Benedikt XVI. ausgerechnet Papst Pius XII. seligsprechen lassen will, denjenigen Papst, der wegen seines öffentlichen Schweigens bezüglich des Holocaust weltweit Kritik auf sich zog.
Und jetzt noch die Rehabilitation eines Holocaust-Leugners! Das alles ist durch Personalisierung nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Hier geht es nicht länger um das Problem eines verblendeten Bischofs, hier geht es um den Pontifikat Benedikt XVI. überhaupt. Seine Entscheidung ist widersprüchlich und fahrlässig. Widersprüchlich, weil die von Benedikt XVI. den Traditionalisten gegenüber geübte Grosszügigkeit und Offenheit anderen gegenüber stets verweigert wird, die mehr dem Reformflügel angehören. Benedikt XVI. bedient die Klientel am äussersten rechten Rand der Kirche.
Andere, die auf entschiedene Reformen im Geiste des Konzils pochen, lässt er «links liegen». Fahrlässig, weil Benedikt XVI. seine Glaubwürdigkeit als ehrlicher Dialogpartner gerade gegenüber dem Judentum unnötig aufs Spiel gesetzt hat.
Ein Papst, der Traditionalisten rehabilitiert, die nach wie vor Religions- und Gewissensfreiheit leugnen, Ökumenismus und Religionsdialog als unkatholisch verwerfen, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Er steht im Zwielicht.
Karl-Josef Kuschel hat zum Dialog der Religionen ein Grundlagenwerk verfasst: «Juden – Christen – Muslime: Herkunft und Zukunft», Patmos Verlag, 2007.
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