Tagblatt Online, 06. November 2012 01:34:00
Unter den Wolken
ist Programmleiter Handlungskompetenz im Kontextstudium der HSG und organisiert in diesem Rahmen auch die alljährlichen Haniel Seminars. (Bild: Quelle)
In der Antike wären die Griechen wahrscheinlich einfach von ihren Göttern gerettet worden, durch Sturm oder Heldentat, die die feindlichen Barbaren vernichtet hätten. Unter den Wolken, in einer Welt ohne Olymp kehrt die Gutachter-Troika aus dem Ausland nun aber regelmässig wieder und bemängelt: Eure Performance ist nicht gut genug. Es muss mehr gespart werden, die Märkte glauben euch (noch) nicht – und das gefährdet den Euro. Wegen der Euroschwäche können zum Beispiel schweizerische Hersteller oft noch so gut performen, es bleibt bei der schlechten Parität kaum etwas übrig. Wenn es dem Unternehmen nicht gut geht, dann sind oft die Mitarbeiter gefährdet oder gefragt: «Du musst neue Potenziale entdecken und deine Performance steigern!» Und wenn das nach einem langen Tag noch immer nicht genug Performance-Imperativ ist, dann kann ich mir in einer Casting-Show Amateure anschauen, die wie Stars performen und dem Juror lauschen: «Das war keine gute Vorstellung!» Oder ich gehe gleich selbst aufs Laufband, Trainieren für den Sahara-Marathon als Beweis meiner Tauglichkeit am individuellen Performance-Limit.
Schlüsselbegriff unserer Zeit
Volkswirtschaften, Unternehmen, Arbeitswelt, Medien, Freizeit – Performance ist ein Schlüsselbegriff unserer Zeit, omnipräsent und für alle als Ansporn verbindlich. Warum ist das so? Zunächst sicherlich, weil der englische Begriff (und wir performen ja global, versteht sich) ganz unterschiedliche Bedeutungsebenen zusammenbringt: «Darbietung» und «Vorstellung», «Ausführung» und «Aufführung», «Leistung» und «Leistungsvermögen», «Effizienz» und auch «Ergebnis», um nur einige zu nennen. Er kann so kurz und knapp bündeln, was in unserer westlichen Konsumkultur für alles Handeln wichtig ist: Wir lieben den schönen Schein, die perfekte Show, das billigste Produkt, die makellose Bilanz. Am Markt und in der Gesellschaft sind diejenigen erfolgreich, die die Welt auf den Kopf stellen und dabei stets eine gute Figur machen. Und zwar jeden Tag aufs Neue, denn wir vergessen schnell, und morgen fällt der nächste Gigant vom Markenhimmel.
Als die Menschen noch an die christliche Vorsehung glaubten, war das anders. Erfolg hatte derjenige, den Gott auserwählt hatte. Wenn die Geschäfte liefen, dann wegen eines Heilsplans von ganz oben, wenn nicht, dann hatte man ganz andere als pekuniäre Sorgen. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, die zwar Ungleichheit metaphysisch zementierte, aber der Gesellschaft eine gewisse Ordnung gab. Und auch der Leistung ihren Rahmen nach dem Motto: «Du bist hier nicht zum Vergnügen, nicht allein und eigentlich ein ziemlich kleines Licht – also handle besonnen, immer auch für andere und in Demut.» Der Wandel von der unsichtbaren Hand Gottes zur unsichtbaren Hand des Marktes hat diesen Rahmen verändert. Wir sind nun permanently on stage, aber nicht zu Gefallen oder Missfallen einer höheren ethischen Kraft. Nein, wir performen nur noch für uns selbst und gegen uns selbst. Keine Grenze ist heilig, kein Berg zu hoch, keine Zumutung zu gross.
Performance als Kulturleistung
Performance ist das, was uns Erdenmenschen bleibt, wir können gar nicht anders. Sie ist eine Kulturleistung. In einer Welt ohne Götter und ohne Gott, also ohne letzten Sinn, müssen wir uns selbst erfinden: indem wir performen. Wir inszenieren uns, um gesehen zu werden. Wir spielen, um zusammenzukommen. Wir leisten, um anerkannt zu sein. Und wir messen, um besser zu werden. Alles geben zu wollen für ein erfülltes Leben, ist das eine. Alles geben zu müssen für ein gestiegenes Anforderungsniveau, das ist das andere. Wir alle versuchen, in einer Marktwelt ohne Gewissheiten unsere Rolle zu spielen. Nur du selbst entscheidest, wie weit du wirklich kommen willst (alle anderen haben schon Burn-out)? Über die Wolken? Vielleicht doch eher so: Unter den Wolken kann die Freiheit nicht grenzenlos sein. Muss sie aber auch nicht.
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