PODIUM

Rechtschreibreform – eine ernüchternde Bilanz

17. September 2015, 02:36

Zehn Jahre nach der Einführung der neuen Rechtschreibung ist die Bilanz dieses obrigkeitlichen Gewaltaktes an der Sprache ernüchternd. Die mehrere Milliarden teure Rechtschreibreform, von der sich Bildungspolitiker und Lehrer eine Vereinfachung der deutschen Orthographie erhofften, hat in Wirklichkeit nichts vereinfacht. Im Gegenteil: In den Schulen hat die Neuregelung die Fehlerquote nahezu verdoppelt und niemand wird behaupten können, das liege nur an der Gleichgültigkeit der Schüler. Ausgerechnet die Bildungspolitiker haben Lehrern und Schülern gegenüber den Eindruck vermittelt, Rechtschreibung sei nicht wichtig, Zeichensetzung weitgehend dem eigenen Stilempfinden überlassen. Inzwischen werden sie die Geister, die sie riefen, nicht mehr los und müssen feststellen, dass Schüler am Ende ihrer Schulzeit die einfachsten orthographischen Regeln nicht beherrschen.

Sprache verliert Feinheiten

Was bedeutende Sprachwissenschafter von Anfang an befürchteten, ist eingetreten. Die Rechtschreibreform hat ausgerechnet in einer Zeit, in der Gleichmacherei auf allen Ebenen eingesetzt hat, zu einer sinnentstellenden Entdifferenzierung der Sprache geführt. Das gilt besonders für die Gross- und Kleinschreibung und für die Getrennt- und Zusammenschreibung.

Viele der feinen Unterschiede sind hier sprachlich geradezu planiert worden. So wird in der neuen Rechtschreibung zwischen wörtlicher und übertragener Bedeutung nicht mehr unterschieden, wissen wir beispielsweise nicht, wie der folgende Satz «Er tappte im Dunkeln» wirklich gemeint ist. Und so bleibt auch der Satz «Die Leute sind stehen geblieben» insofern unklar, als nicht hervorgeht, ob sie Halt gemacht haben oder weiterhin standen. In der alten Rechtschreibung wurde hier klar unterschieden, indem man im ersten Fall die beiden Verben zusammen, im zweiten getrennt schrieb.

Solch feine sprachliche Unterscheidungen seien im Alltag unnötig; zudem gehe es darum, den Schülern das Schreibenlernen zu erleichtern, heisst es dann beschwichtigend. Doch dürfte es kaum einen erfahrenen Lehrer geben, der behaupten würde, die neuen Regeln hätten das Schreiben vereinfacht.

Und seit wann ist es Aufgabe der Schule, den Kindern vorzugaukeln, dass Lernen ohne Anstrengung zu bewältigen sei? Es handelt sich wohl eher um einen pseudopädagogisch verbrämten Betrug und um Sprachideologie. Denn ursprünglich stand hinter der Reform eine kleine Gruppe von Linguisten, denen es darum ging, vor allem bildungsferne Volksschichten vom Joch der Regeln, wie sie meinten, zu befreien. Aber das Gegenteil ist eingetreten: Die Rechtschreibreform hat das sprachliche Unvermögen vieler Bildungsferner nicht etwa bemäntelt, sondern noch greller vor Augen geführt.

Niemand mehr weiss, was gilt

An den Schulen wird heute eine reformierte Rechtschreibung unterrichtet, die im Alltag kaum jemand anwendet. Weder Zeitungen noch Sachbücher haben zum Beispiel die neue Kommaregelung übernommen. Nur in den Schulbüchern findet sie Anwendung. Auch die Kleinschreibung fester Begriffe (erste Hilfe, schwarzes Brett) wird ausserhalb der Schule kaum befolgt, obwohl die neuen Regeln sie vorschreiben. Andere Neuschreibungen werden praktisch ignoriert: Spagetti und Jogurt sind nirgends zu kaufen.

Zu dieser Kluft zwischen Regelwerk und Schreibwirklichkeit tritt eine Aufsplitterung der Rechtschreibung in unterschiedliche «Hausorthographien». So hat etwa die «Zeit» eine eigene Regelung entworfen, die weder mit der neuen noch mit der alten Rechtschreibung übereinstimmt. Die «Neue Zürcher Zeitung» wendet nur die Hälfte der neuen Regeln an. Kurz und gut: Die Einheit der Rechtschreibung, auf der Orthographischen Konferenz von 1901 mühsam erkämpft, ist einem Schreibchaos gewichen und wird sich auf der Grundlage der Neuregelung nicht wiederherstellen lassen.


Leserkommentare

Anzeige: