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Frühenglisch – ein schulischer Leerlauf

21. September 2016, 02:40

Seit gut zwei Jahren erleben wir eine erbitterte Debatte über den Fremdsprachenunterricht in der Primarschule. Der Zusammenhalt der Schweiz scheint auf dem Spiel zu stehen. Beim Frühfranzösisch hat die politische Auseinandersetzung zu einem regionalpolitischen Taktieren geführt; beim Frühenglisch geht die Angst um, in einer globalisierten Welt nicht mehr mithalten zu können. Es ist eine Auseinandersetzung unter Bildungspolitikern, Lehrern und Eltern. Und diese tun so, als ob Kinder beliebig lern- und anpassungsfähig wären. Sind sie aber nicht. Die Sache ist aus linguistischer Sicht wesentlich komplizierter.

Je früher Kinder eine fremde Sprache lernen, desto besser, heisst es. Stimmt. Aber nur, wenn sie die Sprache auf ihre Weise lernen dürfen, wenn die Sprache in ihren Alltag eingebettet ist, wenn die Kinder ausgedehnte Erfahrungen in einem ständigen sprachlichen Austausch mit Eltern und mit anderen Bezugspersonen machen können. Diese Art, eine fremde Sprache ganzheitlich zu erlernen, wird als synthetischer Spracherwerb bezeichnet. Er ist in den ersten Lebensjahren am stärksten, nimmt im Verlaufe der Schulzeit deutlich ab und erschöpft sich in der Pubertät weitgehend. An seine Stelle tritt der analytische Spracherwerb, wie er uns aus der Oberstufe wohlvertraut ist. Ein Spracherwerb also, der hauptsächlich im Auswendiglernen von Wörtern und im Erlernen von Grammatikregeln besteht.

Doch bis zum Alter von zwölf Jahren sind Grammatikregeln – selbst im Deutschunterricht – erfahrungsgemäss ein Buch mit sieben Siegeln. Erst mit dem Einsetzen des abstrakten Denkens in der Oberstufe nimmt das bewusste Verständnis für die Gesetzmässigkeiten der Sprache zu. Damit setzt die Fähigkeit zum analytischen Spracherwerb ein. Kindern auf der Primarstufe eine Fremdsprache analytisch beibringen zu wollen, ist, so gesehen, ein pädagogischer Sündenfall.

Frühenglisch und Frühfranzösisch konnten die Erwartungen, welche die Bildungspolitiker geweckt hatten, nie erfüllen. Berücksichtigt man die Kriterien für einen erfolgreichen Spracherwerb, war ein Scheitern unvermeidlich. Hier ein Wort, dort ein Reim, da ein Lied auf Englisch oder Französisch mag für die Kinder unterhaltend und anregend sein, sprachkompetent werden sie dabei nicht. Dafür ist der Fremdsprachenunterricht in der Primarschule mit seiner minimalen Stundendotation viel zu isoliert. Da kommen die Kinder auch mit der grössten Motivation auf keinen grünen Zweig. Es wäre deshalb höchste Zeit für das Eingeständnis, dass die Primarschule in den letzten zwölf Jahren einen kostspieligen und nicht kindgerechten pädagogischen Irrweg eingeschlagen hat.

Doch, obwohl umfangreiche Studien und die Erfahrungen der Oberstufenlehrer längst gezeigt haben, dass die Frühlerner den Spätlernern sprachlich keineswegs überlegen sind, hält die Allianz aus Bildungspolitik, Verwaltung und Wissenschaft, aus Angst, ihr Gesicht zu verlieren, und befeuert durch enorme Mittel für die Umsetzung, am Frühfremdsprachenkonzept unbeirrt fest. Dabei wird selbst Elementares einfach verdrängt: so etwa die Tatsache, dass in der Deutschschweiz Aufwachsende zuerst die deutsche Hochsprache lernen müssen, bevor sie sich an die Wortformen und die Syntax einer Fremdsprache wagen können.

Wer in der Muttersprache argumentieren, einen Text verstehen oder einen Aufsatz strukturieren kann, überträgt diesen Vorteil auf die Fremdsprache. Dagegen wird das Erlernen von Fremdsprachen ohne eine gewisse Sicherheit in der Muttersprache viel schwieriger. Es nützt wenig, wenn sich Kinder und Jugendliche in drei oder noch mehr Sprachen nur auf bescheidenstem Niveau ausdrücken können.

Durch das Anwachsen der kritischen Datenmenge in jüngster Vergangenheit und den gleichzeitigen Mangel an Beweisen für die Langzeitwirkung von Frühenglisch und Frühfranzösisch scheinen die Nerven der Befürworter zunehmend blank zu liegen. Anders ist es nicht zu erklären, dass mahnende Stimmen häufig verspottet oder ihre Studien von EDK-Vertretern als «unwissenschaftlich» diffamiert werden. So geschehen mit der Zürcher Linguistin Simone Pfenninger, deren einziges «Vergehen» im Fazit ihrer aktuellsten Studie zum Fremdsprachenerwerb besteht, wonach man Englisch getrost in die Oberstufe verschieben kann. Nach ihr gilt ganz allgemein: Besser spät und intensiv als früh und halbbatzig.


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