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Tagblatt Online, 23. März 2011 01:04:56

Eine Volksinitiative für eine Volksbibliothek

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Paul Rechsteiner SP-Nationalrat, Gewerkschaftspräsident und Anwalt (Bild: Bild: Quelle)

Jahrelang ist am Projekt für eine neue Bibliothek in den freiwerdenden Räumen der Hauptpost an zentralster Lage in St. Gallen gearbeitet worden. Jetzt fiel der Vorschlag der finanzpolitischen Abbruchpolitik im Kantonsrat zum Opfer. Damit besteht die Gefahr, dass ein vielversprechendes Zukunftsprojekt unwiderruflich scheitert, mit nicht wiedergutzumachenden Folgen für die St. Galler Bevölkerung.

Unterentwickeltes Angebot

So sehr nämlich die Stiftsbibliothek als Teil des Weltkulturguts für ein geistiges Zentrum Europas im Mittelalter steht, so unterentwickelt ist das öffentliche Bibliotheksangebot St. Gallens im Vergleich mit anderen Städten heute. Das gilt vor allem für die aus allen Nähten platzende Freihandbibliothek, die allen Bevölkerungsschichten offen steht und trotzdem den Bedürfnissen bei weitem nicht mehr genügen kann. Das mit dem Bibliotheksprojekt vorgeschlagene Konzept der «Public Library», der öffentlichen Bibliothek als Wissens- und Begegnungszentrum für alle, ist für das Bildungsangebot der Zukunft wegweisend. Mit der Hauptpost wurde ein idealer Ort für die Realisierung einer auf die Bedürfnisse des Publikums optimal ausgerichteten öffentlichen Bibliothek gefunden.

Es kann deshalb nicht sein, dass ein Projekt mit derart weitreichenden Perspektiven an kurzfristigen und kurzsichtigen politischen Egoismen scheitert. Damit das nicht passiert, braucht es eine wirksame Gegenbewegung von unten. Eine Volksinitiative ist dafür das geeignete Mittel. Das zeigt auch die Berichterstattung des Kulturmagazins «Saiten», welche die Diskussion über die Zukunft der Bibliotheksidee als überparteiliches Projekt neu angestossen hat. Die vielen Reaktionen zeigen, dass die Chancen für eine Initiative gut sind.

Volksbildung im besten Sinne

Die Initiative für die neue öffentliche Bibliothek wird ein paar Dinge berücksichtigen müssen, die im Podiumsbeitrag von Albert Rüesch im Tagblatt vom 2. März formuliert worden sind. Es ist möglich, den finanziellen Aufwand für das Bibliotheksprojekt zu reduzieren, wenn es auf die für die Nutzung durch ein breites Publikum nötigen Teile konzentriert wird. Ausserdem muss von der hauptbetroffenen Stadt St. Gallen ein substanzieller Standortbeitrag verlangt werden, der bisher anscheinend nicht zur Diskussion stand. Was schwer verständlich wäre, ebenso wie die Tatsache, dass der Stadtpräsident dem harten Sparkurs auf kantonaler Ebene zulasten der Stadt offenbar zugestimmt hat. Schliesslich müsste ein erfolgversprechendes Initiativprojekt auch dafür sorgen, dass die öffentlichen Bibliotheksangebote der anderen Regionen entsprechend gefördert werden. Moderne Publikumsbibliotheken bedeuten Volksbildung im besten Sinne des Wortes.

Es braucht kein weiteres Eliteprojekt

Wir stehen vor einer entscheidenden Weichenstellung für unser öffentliches Bildungsangebot. Wenn die Jahrhundertchance, die sich jetzt mit dem Freiwerden der Räume in der Hauptpost bietet, verpasst wird, kann dies absehbar nicht mehr korrigiert werden. Die Alternativen, die derzeit diskutiert werden, unter Einschluss der Nutzung der Räume durch die HSG, sind kein Ersatz für eine Publikumsbibliothek.

St. Gallen braucht kein weiteres Eliteprojekt, sondern ein demokratisches Bildungsangebot für alle Schichten der Bevölkerung, das durch die Bibliothek in der Hauptpost eine entscheidende Aufwertung erfährt.





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